Die Schlange, vor der Tamino im ersten Bild flüchtet, ist eine Horde lüsterner Frauen. Die Vögel, die Papageno für die sternflammende Königin fängt: gefügig gemachte Frauen. Und auch die wilden Tiere, die der Prinz mit der Zauberflöte zähmt, sind überraschenderweise: sich willig räkelnde Frauen. So schwarz-weiß wie die Kostüme und das Bühnenbild ist auch das Weltbild dieser "Zauberflöte". Torsten Fischer bricht Mozarts Oper im Theater an der Wien auf den Kampf der Geschlechter herunter. Graustufen gibt es dabei keine, wo kämen wir da hin. Die Macht ist hier vor allem eine sexuelle und wird recht wahllos ausgeübt. Eine ermüdend banale Regieidee.

Fischer unterfüttert sie mit der Vorgeschichte - Paminas Vater übergab vor seinem Tod alle Macht an Sarastro, weil ja Frauen bekanntlich männlicher Führung bedürfen. Die dadurch entmachtete Königin der Nacht sinnt also zu Recht auf Rache. Zu einer wie auch immer gearteten Erkenntnis führt diese Lesart bei Fischer nicht. Die gierigen Frauenhände und Zungen verlieren schon nach zwei Minuten jede Form von Erotik. Im Zweiten Teil ist dann der Weltfrieden dran, der aus einem Treffen von Vertretern der Weltreligionen und aus klugen Sprüchen auf einer Rückwand erwachsen soll. Und bei der Wasserprobe liegen - Achtung: Aktualität - Schwimmwesten auf der Bühne.

Platte Weltformel

All das packt Fischer in karge kontrastreiche Bilder, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Die Weltfrieden- und die Geschlechterkampf-Keule scheinen jeden tieferen Sinn aus dem Werk herausgeholzt zu haben. Antworten oder gar eine Lösung bleibt Fischer schuldig. Ging es hier nicht einmal um die Liebe? Mit Plattitüden ist bisher jedenfalls noch niemand der Weltformel näher gekommen. Sexuell aufgeladen erweist sich auch hier als das Gegenteil von sinnlich. Und dieser verschrobenen Gruppe an Eingeweihten will man sich keinesfalls anschließen. Einziger lebendiger Gegenpol zu der szenischen Langeweile ist Daniel Schmutzhard, der als lässiger Papageno in Lederhosen mit frechem Wiener Schmäh - und einem kernig präzisen Bariton - Bungee springt und sein Wurfzelt immer dabei hat. Immerhin eine Flöte gibt es, von Zauber jedoch weit und breit keine Spur.

Dafür gibt es eine Kantate als sinnfreies, die beiden Teile "verbindendes" Zwischenspiel und viele neu geschriebene Dialoge.

Die musikalische Seite der Neuproduktion zeigte sich bei der Premiere am Sonntag immerhin etwas gehaltvoller, vor allem auf Seiten der Sänger. Sebastian Kohlhepp ist als wohltuend warm timbrierter Tamino ein Musterbeispiel eines kraftvollen Mozart-Tenors, Dimitry Ivashchenko ein schnörkellos geradliniger Sarastro, Nina Minasyan eine beinahe lupenreine Königin der Nacht und Michael Smallwood ein guter und umtriebiger Monostatos. Sophie Karthäuser ist eine markante, aber kaum lyrische Pamina.

René Jacobs am Pult der ordentlichen Akademie für Alte Musik Berlin ist offenbar altersmilde geworden. Sein Mozart ist kundig und unaufgeregt, quasi ein Gegenentwurf zum aktuellen Schneller, Knapper, Wilder. An frühere, gängige Klang- und Hörgewohnheiten durchbrechende Mozart-Interpretationen kann diese zahme "Zauberflöte" jedoch nicht anknüpfen. Sie ist definitiv schön anzuhören, aufhorchen ließ Jacobs mitunter überdehnte Lesart höchstens in den knalligen Klangeffekten.