• vom 21.09.2017, 16:14 Uhr

Bühne

Update: 21.09.2017, 16:29 Uhr

Interview

"Skandale finden in der Realität statt"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Paterno

  • Intendantin Veronica Kaup-Hasler über ihre Zeit beim steirischen herbst, Ausbeutung in der Kunst und Donald Trump.

Neue Körpersprachen: Die dänische Choreografin Mette Ingvartsen eröffnet mit "to come(extended)" den steirischen herbst.

Neue Körpersprachen: Die dänische Choreografin Mette Ingvartsen eröffnet mit "to come(extended)" den steirischen herbst.© J. Sethzman Neue Körpersprachen: Die dänische Choreografin Mette Ingvartsen eröffnet mit "to come(extended)" den steirischen herbst.© J. Sethzman

"Wiener Zeitung":Heute, Freitag, eröffnet Ihre letzte Spielzeit als Intendantin des steirischen herbst. Wie blicken Sie auf die vergangenen 12 Jahre zurück?

Veronica Kaup-Hasler: Ich bin voller Dankbarkeit für diese großartige Lebensphase. Mein Fokus hat sich vom Theater und der Performance, meinem ursprünglichen Betätigungsfeld, zu einem interdisziplinären Kunstverständnis verschoben und erweitert. Es kam zu wesentlichen künstlerischen Begegnungen und zu Arbeiten, die - so hoffe ich - nicht nur mein Leben bereichert haben. Mein Antrieb war immer, herausragende Kunsterlebnisse nicht nur mit einer eingeweihten "Incrowd" zu teilen, sondern mit möglichst vielen Besuchern.

Veronica Kaup-Hasler, 49, war Dramaturgin bei den Festwochen, Leiterin der Theaterformen Hannover und von 2006 bis 2017 Intendantin des steirischen herbst. Ihre Nachfolge tritt Ekaterina Degot an.

Veronica Kaup-Hasler, 49, war Dramaturgin bei den Festwochen, Leiterin der Theaterformen Hannover und von 2006 bis 2017 Intendantin des steirischen herbst. Ihre Nachfolge tritt Ekaterina Degot an.

Veronica Kaup-Hasler, 49, war Dramaturgin bei den Festwochen, Leiterin der Theaterformen Hannover und von 2006 bis 2017 Intendantin des steirischen herbst. Ihre Nachfolge tritt Ekaterina Degot an.


Ist Ihnen das gelungen?Zeitgenössische Kunst ist in der Regel nicht mehrheitsfähig.

Das muss sie auch nicht sein. Aber sich öffnen zu Menschen, die potenziell interessiert sein könnten. Mit vielen Projekten haben wir versucht, unterschiedliche Sphären zusammenzubringen, traditionelle Kunsträume zu verlassen - etwa mit dem "Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen" und der Marathonveranstaltung "Truth is concrete". In diesem Jahr starten wir den wohl größten Anlauf in diese Richtung: eine theatrale Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman "Die Kinder der Toten" durch das Künstlerduo Nature Theater of Oklahoma. Seit fast zwei Jahren laufen die Vorbereitungen.

Wie hat sich der Publikumszuspruch entwickelt?

Wir liegen bei 93 bis 94 Prozent Auslastung, das ist sensationell für ein herausforderndes und experimentelles Programm, wie wir es anbieten.

Ihre letzte Spielzeit fällt mit der 50-Jahr-Feier des steirischen herbst zusammen. In den Anfangsjahren sorgte das Festival für Kunstskandale. Wurde von Ihnen erwartet, dass Sie mit Ihren Programmen für öffentliche Aufregung sorgen?

Ja, natürlich. Aber der Skandal an sich ist kein Anliegen der Kunst. Ein Skandal ist mit relativ einfachen Mitteln zu erzielen, wenn das Vis-à-vis wertkonservative, autoritäre Züge trägt, siehe: Pussy Riot in Russland. Seien wir froh, dass unsere Gesellschaft verglichen mit den 1970er Jahren liberaler geworden ist. In Österreich ist der stärkste Gegner heutzutage die Ignoranz. In einer über-eventisierten Gesellschaft gibt es immer weniger Raum und Zeit für anspruchsvollere Kunstformen und Reflexion darüber. Der Skandal als Auftrag ist jedoch überholt. Skandale finden in der Realität statt. Donald Trump als Präsident der USA! Wie könnte ich das je in einem Kunstfestival toppen?

In den Anfangsjahren war das Crossover ein Alleinstellungsmerkmal des steirischen herbst. Dieser Ansatz ist mittlerweile im Mainstream angekommen. Wird dem Festival der Boden abgegraben?

Die Kunst hat sich in interdisziplinäre Richtungen erweitert, ehemals starre Kunstgenres und Gattungsgrenzen sind längst fließend geworden. Wer Positionen der Gegenwartskunst vorstellt, ist damit konfrontiert. Aber beim steirischen herbst werden Arbeiten nicht nur kuratiert und eingeladen, sondern mehrheitlich auch initiiert und produziert. Wir begleiten die Produktionen über einen längeren Zeitraum, stehen im Austausch mit den Künstlern. In einem verdichteten Zeitraum versuchen wir, in einer Gesellschaft des medialen Überflusses so etwas wie Konzentration und Relevanz herzustellen. Wie überall, gibt es aufregende und weniger gelungene Projekte. Unsere Aufgabe ist es, gute Kunst aufzuspüren, sie einem möglichst breiten Publikum vorzustellen und den Künstlern faire Arbeitsbedingungen zu ermöglichen.

Was heißt das konkret in einer Zeit, in der das Spargebot enormen Druck erzeugt?

Internationale Kunstfestivals und ihre weltweit vernetzten Künstler gehören zur Avantgarde der neoliberalen Arbeitswelt. Mit besten Absichten haben wir ein System erzeugt, das zwar auf Hochtouren produziert, aber Arbeitsbedingungen nicht mehr hinterfragt. Neulich verschob Regisseur Leander Haußmann nach zwei Monaten Probezeit - für viele Künstler ohnehin absoluter Luxus - die Premiere am Burgtheater um ein paar Tage, weil er fand, dass er noch nicht fertig sei. Das finde ich super! Ich wünsche mir, dass Künstler häufiger mehr Raum und Zeit einfordern würden. Wir brauchen ein anderes Arbeitsethos. Wir können nicht nach außen politische Kunst proklamieren und intern Ausbeutungsverhältnisse prolongieren.

Konnten Sie das umsetzen?

Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir für faire Bedingungen gesorgt, auch wenn das bedeutete, dass ich weniger produzieren konnte, als ich wollte.

Sie haben den steirischen herbst überschuldet übernommen und sind mit einem Budget von 4,7 Millionen nicht gerade üppig dotiert. Wie hat sich die finanzielle Situation entwickelt?

Wir haben in all den Jahren nie einen Cent überzogen. Und trotzdem künstlerische Hochleistungen gezeigt. Das geht, wenn man sparsam, erfinderisch ist und international kooperiert. Wir haben etwa bei internationalen Stiftungen angesucht und das Sponsoring massiv entwickelt und ausgebaut.

Haben Sie Zukunftspläne?

Ich bin im Jetzt verankert und derzeit geht es mir vor allem darum, meine letzte Ausgabe des steirischen herbst zu einem guten Abschluss zu bringen. Alles Weitere kommt danach. The most important exchange is with the unknown.





Schlagwörter

Interview

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-21 16:18:12
Letzte nderung am 2017-09-21 16:29:28



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Gegen die Ruhelosigkeit anmalen
  2. "Wir gaben dieser Musik ihre Stimme"
  3. "Keine Lust auf Abgrund"
  4. Auf ein Puiverl ins Beisl
  5. Wer hätte das gedacht?
Meistkommentiert
  1. Armin Wolf klagt FPÖ wegen Facebook-Posting
  2. ÖVP/FPÖ sorgen für Zweidrittelmehrheit im ORF
  3. "Kultur in harten Kämpfen verschonen"
  4. Der Irrsinn der Macht
  5. Eine Frage hat er noch

Werbung



Bille August.

Am Donnerstag, 15. Februar 2018, ging die Eröffnung der 68. Berlinale über den roten Teppich. Zahlreiche Stars aus nah und fern waren mit dabei.

Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer. Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede

Werbung



Werbung


Werbung