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"Wiener Zeitung": Ihr aktuelles Programm heißt "gesternheutemorgen". Darf sich Ihr Publikum also einen Rückblick, eine Halbzeitbilanz und eine Zukunftsprognose erwarten?

Urban Priol: Ich habe mir vor einiger Zeit mal überlegt, wie lange ich das eigentlich schon mache: Das sind mittlerweile 35 Jahre. Ich habe damals mit Helmut Kohl gemeinsam angefangen, Kabarett zu machen. Und da kam mir der Gedanke, komm’ Priol, gönn’ dir etwas zu deinem Bühnen-Jubiläum. So entstand eine tagesaktuelle Bestandsaufnahme, garniert mit einigen Klassikern. Und am Ende geht der Blick natürlich nach vorne.

Ein Rückblick ins vorige Jahr: Sie haben im April 2016 den Flüchtlingspakt der EU mit der Türkei scharf kritisiert und zugleich Jan Böhmermanns umstrittene Erdogan-Satire verteidigt. Hat sich aus Ihrer Sicht seither die Situation verändert? Sehen Sie das Thema jetzt genauso wie vor eineinhalb Jahren?

Schon damals war klar: Der Türkeideal macht uns erpressbar. Erdogan, der Döner-Putin kann wüten, wie er will, ohne ernsthafte Sanktionen fürchten zu müssen. In seinem Sultanat kommt die Demokratie höchstens noch als Spurenelement vor, reihenweise werden Journalisten und Oppositionelle eingekerkert, und Türkei-Urlauber finden sich statt am Strand hinter Gittern wieder. Ach, waren das noch Zeiten, als wir uns nur über Erdogans Reaktion auf ein spätpubertär anmutendes Gedicht aufregen mussten.

Sie waren auch 2015 einer der Redner bei den Blockupy-Protesten in Frankfurt gegen die "Krisenpolitik" von EZB, IWF und Weltbank. Wie weit darf man als Kabarettist, der auf der Bühne Stellung zu aktuellen (gesellschafts)politischen Themen nimmt, Partei ergreifen, ohne dass man sich selbst die eigene Basis dafür abgräbt? Sprich: Kann man da zu viel Schlagseite in die eine oder andere Richtung bekommen?

Nein. Für das, was ich als ungerecht empfinde, gehe ich auch gerne auf die Straße. Eine lebhafte Demokratie braucht Streit und Auseinandersetzung.

Sie haben sich vor allem mit der ZDF-Satiresendung "Neues aus der Anstalt" einen Namen gemacht. Inzwischen haben Max Uthoff und Claus von Wagner das Format übernommen – haben Sie damit komplett abgeschlossen?

Obacht! Am 17. Oktober (ZDF, 22.15) gibt es ein fröhliches Stelldichein in der Anstalt mit Frank-Markus Barwasser (Erwin Pelzig), Jochen Malmsheimer, Georg Schramm und meiner Wenigkeit. Wir freuen uns schon sehr auf unsere gemeinsame Sendung mit Claus und Max!

Agieren die beiden in Ihrem Sinne?

Die beiden veranschaulichen mit viel Lust, Leidenschaft und Spielfreude komplexe Zusammenhänge und leisten Aufklärungsarbeit. Toll!