• vom 28.09.2017, 16:47 Uhr

Bühne


Theaterkritik

Mörderische Marillenmarmelade




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Verena Franke

  • Franz-Xaver Mayr inszeniert die groteske Familiengeschichte "Kartonage".

Petra Morzé (l.), Irina Sulaver und Bernd Birkhahn jausnen wieder einmal Marmelade. - © apa/R. Werner

Petra Morzé (l.), Irina Sulaver und Bernd Birkhahn jausnen wieder einmal Marmelade. © apa/R. Werner

"Damit immer was da ist", kocht Mutter Werner Tag ein Tag aus Marillenmarmelade - und Papa Werner isst sie dann ganz brav. Etwas Anderes gibt es ja nicht zu tun: Das Paar lebt seit 20 Jahren in einem Karton - Staubsauger an der Wand, Sitzecke und Herd (natürlich nur, um Marillenmarmelade einzukochen) reichen aus im Werner-Universum. Die beiden verlassen den Karton seit dem Tod ihrer Tochter Rosalie nicht mehr. Ein etwas absonderliches älteres Ehepaar scheinen die beiden zu sein, seltsam, aber harmlos. Doch . . .

"Kartonage" lautet der Titel des Debütstücks von Yade Yasemin Önder, das in der Regie von Franz-Xaver Mayr nun in der Burg-Nebenspielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz zu sehen ist. Bereits bei den diesjährigen Berliner Autorentheatertagen ausgezeichnet, zeigt Önder, neben den Machtkämpfen im Mikrokosmos Familie, eine Auseinandersetzung mit der Angst vor Fremden. Denn absonderlich und böse ist für die Werners nur die Welt draußen, Verschwörungstheorien inklusive. Abgeschottet von der Menschheit werden die beiden immer eigenartiger: Mama Werner, sie nennt sich selbst Werner Eins, zappelt grotesk durch ihre Behausung und piesackt Werner Zwei. Da gibt es auch schon einmal Ohrfeigen.


Streng geordnetes Miniversum
Plötzlich rutscht die totgeglaubte Tochter der beiden vom Deckel des Kartons über eine Seitenwand aus "Eiche depressiv" in ihr streng geordnetes Miniversum. Nun sollte doch eigentlich wieder alles gut sein? Was passiert ist, erfährt der Zuschauer zum Teil via Videoeinspielung: Rosalie hatte nach einem Geld- und Wagendiebstahl einen Autounfall, bei dem die Freundin starb. Die restlichen 16 Jahre bleiben aber im Dunkeln, sie interessieren die Eltern auch gar nicht weiter. Vielmehr müssen sie ihre Schuldzuweisungen loswerden.

Die surreale Groteske gipfelt vorhersehbar in einem mörderischen Finale: Rosalie versucht zuvor noch, sich zeitweilig anzupassen und kopiert die skurrilen Bewegungen. Doch dann schleicht sich die Mutter nächtens aus dem Karton und mischt giftige Beeren in die Marmelade, die Vater Werner und Rosalie letztlich dahinrafft. Zuvor gibt’s noch eine verhaltene Blut- und Marmeladeorgie, in der Petra Morzé als überdrehte, angsteinflößende Mutter vollen Körpereinsatz in einem Fettanzug zeigt. Bernd Birkhahn als schlurfender Greis verschläft sein trostloses Leben. Irina Sulaver gibt eine dissoziative Rosalie, die ihre Hoffnungslosigkeit schnell erkennt.

Liebhaber der Groteske können sich mehr Mut seitens Regisseur Mayr wünschen, dennoch gelingt dem jungen Team ein amüsanter Abend.

Theater

Kartonage

Von Yade Yasemin Önder

Franz-Xaver Mayr (Regie)

Burgtheater/Kasino

Wh.: 29. Sept., 1. und 3. Oktober




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-28 16:54:06



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. DJ Avicii starb im Oman
  2. Höchststrafe für "Kronen Zeitung"
  3. Margarethe "Guggi" Löwinger gestorben
  4. Ein schmaler Grat
  5. Wie ist es um die Türkei unter Erdogan bestellt?
Meistkommentiert
  1. "Bin seit Jahren HIV-positiv"
  2. Höchststrafe für "Kronen Zeitung"
  3. Forsche Mitteilungen
  4. Warten auf den Streaming-Tsunami
  5. Ritter der Extreme

Werbung



Das Siegerfoto mit dem Titel "Venezuela Krise", es zeigt einen 28-jährigen Mann mit brennendem Oberkörper während heftiger Proteste gegen Präsident Nicolas Maduro in Caracas im Mai 2017. 

Romy Schneider wurde am 23. September 1938 als Rosemarie Magdalena Albach in Wien geboren. Die Schauspielerei ist ihr in die Wiege gelegt geworden: Ihre Eltern und sogar ihr Ururgroßvater waren Schauspieler. Ihren Künstlernamen verwendete sie kurz nach ihrer ersten Filmrolle in den 1950ern. August Sander, Putzfrau, 1928

Die Schauspielerin Tiffany Haddish posiert auf dem roten Teppich. Bille August.

Werbung



Werbung


Werbung