Jeder mit jedem: Hier karessiert Onaro (Anna Marshania) Antiope (Carolina Lippo). - © Herwig Prammer
Jeder mit jedem: Hier karessiert Onaro (Anna Marshania) Antiope (Carolina Lippo). - © Herwig Prammer

Das erste Geräusch, das bei der aktuellen Premiere in der Wiener Kammeroper zu hören ist, ist das Rauschen der Nebelmaschine. Es folgt ein neu gedichteter Prolog, dann erst setzt das Orchester mit der Ouvertüre ein. Diese Reihenfolge ist symptomatisch für die Logik einer Produktion, in der die Oper "Arianna in Nasso" ("Ariadne auf Naxos") von Nicola Antonio Porpora und Paolo Rolli offenbar nicht den Ausgangspunkt des Geschehens bildet. Dabei ist es ein Bravourstück, mit dem Porpora 1733 gegen Händels Londoner Opernunternehmen antrat. Für die Ariadne-Oper, mit der am 29. Dezember die Opera of the Nobility eröffnete, nützte der Neapolitaner vor allem die Form des Recitativo accompagnato, um die Emotionen der Handelnden plastisch auszugestalten.

In der Kammeroper unterstützte das Bach Consort Wien unter der Leitung von Markellos Chryssicos die musikdramatische Vielfalt und Stringenz unter anderem mit gezieltem Pianissimo-Einsatz und fließenden Übergängen zwischen den Nummern, während das Junge Ensemble des Theaters an der Wien (hervorzuheben sind insbesondere Ray Chenez‘ koloraturerprobter Countertenor und Carolina Lippos strahlender Sopran) Porporas gleichermaßen virtuose wie ausdrucksstarke Melodien zum Leben erweckte. Diese Ausdruckskraft stellte der Komponist ganz in den Dienst eines Librettos, dem das Heldenepos nur als Hintergrundfolie dient, um ein Beziehungsdrama in all seinen Untiefen vor dem Publikum auszubreiten: Theseus, den zwei Frauen lieben, wird von der ihm abverlangten Entscheidung nach und nach zerrieben.

Unerklärliche Waffen-Vorliebe

Die Inszenierung von Sergej Morozov tut indessen alles, um von dieser Anordnung abzulenken, indem sie den Plot mit einer weitgehend unabhängigen Parallelhandlung überschreibt. Das Publikum blickt auf einen leeren weißen Guckkasten, von dem es im Programmheft heißt, er symbolisiere die virtuelle Welt des Internets. Darin bewegt sich ein Grüppchen abgerissener junger Leute mit pubertärem Habitus und einer unerklärlichen Vorliebe für das Hantieren mit Schusswaffen. Der Fokus auf dem erotischen Dreieck Ariadne-Theseus-Antiope wird bei Morozov durch die Prämisse "alle mit allen" ersetzt. So dürfen wir Theseus nicht nur bei realistisch ausgestalteten sexuellen Handlungen mit Ariadne zusehen, sondern auch mit seinem Gefolgsmann Peirithoos und Antiope, die soeben ergreifend Theseus’ Untreue besungen hat, sowie mit dem Hohepriester Onaro, der hier gleichzeitig auch noch mehrere Götter repräsentiert und seinerseits Antiope und Peirithoos mit Zärtlichkeiten bedenkt.

Wer das Programmheft liest, erfährt, dass sich der Regisseur für die Fluidität von Identitäten im Internet-Zeitalter interessiert. Was all das mit dieser Oper zu tun hat? Gewiss, Ariadne vollzieht im Lauf der Handlung eine Transformation von der jugendlich Liebenden über die tragische Heldin zur Auserwählten des Dionysos. Auch ließe sich ein Zusammenhang herstellen zwischen Theseus‘ zunehmender Verweiblichung bei Morozov und seinem Status als "schwacher" Held, der sich nicht entscheiden kann. Doch macht es nicht den Eindruck, als hätte sich der Regisseur bei der Wahl der Thematik durch eine Auseinandersetzung mit dem Werk beirren lassen. Der Mut zu zeitgemäßen Interpretationen ist zu begrüßen - doch dem Verständnis von Porporas Oper dient diese Überschreibung ebenso wenig wie einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit postmodernen Identitätskonzepten.