Hat bei ihrem 110. Operntitel "aufgehört zu zählen": Dirigentin Simone Young. - © Bertold Fabricius
Hat bei ihrem 110. Operntitel "aufgehört zu zählen": Dirigentin Simone Young. - © Bertold Fabricius

Wien. Die Staatsoper setzt mit ihrer ersten Premiere auf ein gewagtes Blatt: Ab Mittwoch steht "Der Spieler" von Sergei Prokofjew auf dem Spielplan. Der Russe hat das Werk mit 26 Jahren geschrieben und verlangt damit sowohl Künstlern als auch Publikum einiges ab. Dirigentin Simone Young über ein dennoch lohnendes Werk, über ihre Freude an Neuem und an einem Leben ohne Intendanten-Job.

"Wiener Zeitung":Fast niemand kennt den "Spieler". Fehlt es ihm an Qualität?

Simone Young:Der "Spieler" ist gut, aber anders. Er bietet keinen Ohrenschmaus im klassischen Sinn. Prokofjew verzichtet auf Arien, und er wollte weg von einem schwelgerischen Klangbild, wie es Debussy in seinem "Pélleas" geschaffen hat. Außerdem ist die Partitur eine Herausforderung: Prokofjew verwendet ein großes Orchester, aber er lässt manche Instrumente nur sehr vereinzelt spielen. Schwierig ist auch, dass man sehr viele Sänger braucht und die Koordination zwischen Bühne und Graben heikel ist - das alles macht es schwer, den "Spieler" aufzuführen.

Ist es nicht auch für den Hörer schwer, weil ihm Melodien fehlen?

Ganz ohne Melodien ist das Werk nicht, im Orchester sind einige. Es ist jedenfalls ein Stück für Opernliebhaber, die Freude an Neuem haben. Wer Benjamin Britten mag, Leoš Janáček oder Paul Hindemiths "Mathis", der könnte sich dafür interessieren.

Was will Prokofjew mit dem Verzicht auf Arien und Klangrausch?

Mehr Theater auf der Bühne. Der "Spieler" ist weniger Oper als Musikschauspiel - ein Konversationsstück, das auf Dostojewskis gleichnamigem Roman basiert.

In dem Buch geht es um eine Glückspielstadt, in der sich verkrachte Existenzen treffen. Prokofjew selbst hat den Text gekürzt, wie gut ist ihm das gelungen?

Sehr gut. Das einzige Problem: In der Geschichte tauchen viele Figuren auf, und durch die Kürzungen sind einige zu schwach gezeichnet. Zum Beispiel: Die Beziehung zwischen Polina und dem Marquis wird in der Oper nur angedeutet. Im Buch dagegen ist sehr klar, dass die beiden ein Verhältnis hatten und es Polina traumatisiert hat. Wenn man diesen Hintergrund nicht kennt, wirkt ihr Benehmen auf der Bühne merkwürdig.