• vom 02.10.2017, 19:53 Uhr

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Update: 02.10.2017, 21:02 Uhr

Steirischer Herbst

Kirtag in Kapellen




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Von Petra Paterno

  • Nature Theater of Oklahoma verfilmt Jelineks Epochenroman "Die Kinder der Toten". Lokalaugenschein beim Dreh.



Der halbleere Shuttlebus nimmt Fahrt auf, Samstagmorgen, 8 Uhr. Es geht vom Wiener Opernring in die Obersteiermark. Das Ziel ist das Dorf Kapellen, 600 Einwohner, tiefe Provinz und Schauplatz außerordentlicher Begebenheiten. Kelly Cooper und Pavel Liska vom Nature Theater of Oklahoma verfilmen Elfriede Jelineks Roman "Die Kinder der Toten", dessen Handlung in der Landschaft zwischen Neuberg und Mariazell angesiedelt ist.

9.30 Uhr. Ende der Busfahrt. Es gibt Kaffee für alle. Die aromatische Mischung "Die Kinder der Toten" wird zum Verkauf feilgeboten. Kurz darauf hält Veronica Kaup-Hasler, 49, eine Art Eröffnungsansprache. Der performative Filmdreh sei "das größte Projekt" ihrer Ära, sagt die Intendantin, die seit 2006 dem Mehrspartenkunstfestival steirischer herbst vorsteht. Seit zwei Jahren arbeitet ihr Team an der Umsetzung des Mammutunternehmens. Am Beginn standen Gespräche mit den Bewohnern der Region. Stammtischrunden. Vermittlungsarbeit. Jelinek-Projekte haben offenbar noch immer Erklärungsbedarf.

Information

Jelinek-Schwerpunkt beim steirischen herbst:
Die Dreharbeiten gehen noch bis 15. Oktober. Eine 144-stündige Marathonlesung findet im Basislager statt, es gibt Bustouren und Wanderungen zu Schauplätzen des Romans.
Info: www.steirischerherbst.at

Im Grazer Literaturhaus findet von 19. bis 21. Oktober ein Symposium "Heimat und Horror" statt, "WZ"-Redakteur Hermann Schlösser hält einen Vortrag.
Info: www.literaturhaus-graz.at

"Die Kinder der Toten" hatten es nie leicht. Die Literaturnobelpreisträgerin bezeichnete den Roman als ihr wichtigstes Werk. Im Erscheinungsjahr 1995 wurde das Buch aber heftig kritisiert, mittlerweile ist es in die Hall of Fame der Literatur aufgenommen. Germanisten nennen es in einem Atemzug mit Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", Schmidts "Zettels Traum" - bedeutende Prosawerke, bekannt für literarische Sprengkraft und originäre Ästhetik, nicht gerade geeignet für Strand und Nachtruhe. Peter Tautscher kann das nachempfinden. In seiner Ansprache hält der Bürgermeister von Neuberg an der Mürz fest, dass er Jelineks Roman nach wenigen Seiten weglegen musste. Selbstredend, so der ÖVP-Mann weiter, freue er sich über das Projekt in der Region. Glaubt man den Beteuerungen aller Beteiligten, findet der Jelinek-Dreh die Unterstützung der Bevölkerung.

Der Cast setzt sich ausschließlich aus Laiendarstellern aus der Umgebung zusammen. 200 haben sich gemeldet, 80 wirken mit. Andrea Maier etwa. Maier war in der Gastronomie tätig, hatte noch nie mit Film und Theater zu tun; ein Zufall führte sie zum Casting. Nun ist sie Karin Frenzel, eine der Hauptrollen des Films. Maier ist an diesem Vormittag in einem roten Jogginganzug auf dem Set, Theaterblut rieselt ihre Schläfe hinab. Sie robbt hustend aus einem Autowrack. In einer Drehpause sagt die Neo-Akteurin: "Angst habe ich nicht. Vor jeder Szene besprechen wir, was zu tun ist, dann lasse ich alles auf mich zukommen, es läuft wie von selbst." Es gehe ja, sagt Maier, bevor sie sich wieder ihrer neuen Berufung widmet, wie "in einer Familie" zu. Greta Kostka spielt Frenzels autoritäre Mutter. Die pensionierte Lehrerin ergänzt: "Man muss das Abenteuer lieben, ein Faible für schräge Sachen haben: Dann ist man hier an der richtigen Stelle." Der Almbauer Robert Schrittwieser wiederum wollte sich das Unternehmen zuerst "nur einmal ansehen". Inzwischen verkörpert er diverse Nebenfiguren. Jeden Tag sei er dabei, keine Minute wolle er missen: "Das ist es wert." Die Regisseure Cooper und Liska beschreiben ihre Strategie, mit den Menschen aus der näheren Umgebung zu arbeiten, so: "Wir haben jene gesucht, die keine Angst haben zu scheitern."

Kontrollverlust als Konzept

Seit 15. September finden Tag für Tag Dreharbeiten statt, Drehschluss ist nach einem Monat. "Wir warten nicht auf das ideale Wetter. Jedes Wetter ist ideal", sagt Co-Regisseur Liska. "Wir sorgen uns nicht um Dinge, die wir ohnehin nicht kontrollieren können", fügt Cooper hinzu: "Wir bringen uns absichtlich in eine Position, in der wir das Ergebnis nicht bis ins Letzte hinein beeinflussen können. Das gehört mit zu dem Abenteuer." Kontrollverlust als Konzept.

Liska und Cooper entstammen der New Yorker Avantgardetradition, in der Improvisation und Do-it-yourself-Praktiken, die an Dada erinnern, nicht unüblich sind. Partizipative Projekte sowie sogenannte site-specific-art sind in der Gegenwartskunst derzeit en vogue. Das Nature Theater of Oklahoma zählt zu jenen Einrichtungen, die das Feld an den Schnittstellen von Theater, Film und Laienkunst seit Jahren untersuchen. 2015 verfilmten sie etwa die Nibelungensage in Worms.

Nun also die Obersteiermark und Jelinek. Dreh- und Ankerpunkt des Opus magnum "Die Kinder der Toten" ist die Shoa. Als Untote bevölkern Holocaust-Opfer den Roman und wollen sich auf Kosten der Lebenden von ihrer Nicht-Existenz befreien. Die geisterhaften Vorgänge ereignen sich in einer Alpenpension, in der drei Protagonisten aufeinandertreffen: Edgar Stranz, ehemaliger Skiläufer und FPÖ-Politiker; die Philosophiestudentin Gudrun Bichler, Karin Frenzel, Sekretärin und Mündel einer autoritären Mutter. Jelineks Kosmos voller fragmentierter Figuren, wechselnder Erzählperspektiven, verschlungener Handlungsstränge und anspielungsreicher Begrifflichkeiten entfaltet sich im Roman auf 666 Seiten - Cooper und Liska haben daraus ein 160-seitiges Drehbuch destilliert. 2018 soll das Vorhaben (produziert unter anderem von Ulrich Seidl) als Stummfilm in die Kinos kommen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-02 17:03:05
Letzte Änderung am 2017-10-02 21:02:12


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