Eine höchst merkwürdige Opernpremiere fand am Samstag in Wien statt: Giuseppe Verdis "I masnadieri". Dieses selten gespielte Frühwerk des Komponisten war in Wien zuletzt 1970 zu sehen - damals wie heute an der Volksoper und in deutscher Übersetzung als "Die Räuber". Ausnahmslos Rollendebüts waren nun zu erleben. Bemerkenswert war jedoch auch das musikalische Missverhältnis zwischen Bühne und Graben.

Der Reihe nach: Für die Ouvertüre - ein verkapptes Cello-Konzert - fand Regisseur Alexander Schulin eine berückende Lösung. Solo-Cellist Roland Lindenthal sitzt auf der Bühne in einem perspektivisch stark verkürzten Zimmer, rund um ihn drei Kinder. Es sind Karl, Franz und Amalia. Hier spannt sich ein Beziehungsdreieck auf, an dem sich die Konflikte des Dramas entzünden. Was in kindlicher Unschuld beginnt, mündet in einem Geschehen zwischen den Polen Freiheit und Gewalt. Und immer wieder kehrt man in das väterliche Zimmer zurück, das als riesiger schwarzer Block auf der Drehbühne präsent bleibt.

Aufpeitschende Musik

Die Vorgeschichte der Opernhandlung, die Schillers Drama in zugespitzter Form folgt, ist damit erzählt: Karl und Franz sind zwei Brüder, einer davon wird vom Vater bevorzugt. Beide begehren Amalia. Als Lieblingssohn Karl ausreißt, fällt ihm Franz in den Rücken. Er lässt den Vater wissen, Karl sei gestorben, und hofft so auf den Tod des Vaters, um selbst seinen Platz einzunehmen und auch noch Amalia zu erobern. Karl bricht mit Revolutions- und Freiheitsdrang in die Welt auf, wird Räuberhauptmann und kehrt als gebrochener Mann mordend und plündernd zurück. Seine späte Reue bringt nichts mehr, mit Amalia kann er nur mehr im Tod vereint sein.

Schiller war 22, als er seine "Räuber" verfasste. Der 33-jährige Verdi schuf eine aufpeitschende Musik, die rasch zwischen scharfen Akzenten und innigen Lyrismen wechselt. Mit bereits souveräner Instrumentationskunst leuchtet Verdi tief in die Abgründe der Bühnencharaktere. Ein Werk, das allerhöchste Anforderungen an die Sängerin (es gibt nur eine weibliche Solistin) und die Sänger stellt.

Dirigent Jac van Steen und das Volksopernorchester breiten den Sängern einen fein gewebten Klangteppich. Doch mit Ausnahme des Chores und einer Nebenrolle schlagen sie das Angebot aus, musizieren zu können, ohne forcieren zu müssen. Selbst wenn das Orchester weiche Pianotöne anschlägt, bügelt Tenor Vincent Schirrmacher als Karl mit voller Lautstärke drüber. Dauer-Forte in größter Textdeutlichkeit: Dass er diese schwere Partie auf diese Weise durchsteht, ist beachtlich. Es wirkt fast schon absurd, dass allein David Sitka in der kleinen Rolle des Hermann auf das musikalische Konzept von Jac van Steen einzugehen scheint. Mit Abstrichen gilt das nur noch für Boaz Daniel als Franz: Er lässt seine Stimme auch leise tönen, sie wirkt dabei jedoch hölzern und angestrengt.

Furchteinflößender Vater

Sofia Soloviy gibt ihr Volksoperndebüt mit der herausfordernden Partie der Amalia. Die Ukrainerin lässt mit gutturaler Tiefe aufhorchen, doch hat sie in der Höhe Probleme, ihre Stimme mit instrumentaler Präzision zu führen. Zudem zerfließt die deutsche Übersetzung in ihrem Mund stellenweise zu sinnfreien Silben.

"Die Räuber" bringen auch eine neue Rolle für Kurt Rydl, der jüngst seinen 70. Geburtstag gefeiert hat. Rydl ist ein furchteinflößender Vater und ein verzweifelter Graf, der seinem Sohn Franz auch noch in der Rolle des Pastor Moser erscheint. Er stemmt alle Noten beeindruckend voluminös, allein melodische Bögen möchten ihm keine gelingen. Es bleibt beim punktuellen Hervorwuchten von Tönen.

Das klar strukturierte Bühnenbild kommt von Bettina Meyer, Bettina Walter hat Kostüme aus Barock und Revolutionszeit kombiniert, um die Zeitenwende auch optisch darzustellen. Eine lohnenswerte Wiederbelebung, eher trotz als wegen der Sängerleistung.