• vom 26.10.2017, 16:02 Uhr

Bühne

Update: 26.10.2017, 16:19 Uhr

Theaterkritik

Gut? Böse? Die Wette läuft!




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Von Petra Paterno

  • Das Performancekollektiv Nesterval kombiniert Faust und Dirty Dancing zum Abenteuerspiel.

Ihr Auftritt, bitte.

Ihr Auftritt, bitte.© Christine Miess Ihr Auftritt, bitte.© Christine Miess

An der Rezeption checken die Theaterbesucher ein, als wären sie Hotelgäste. Das "Ressort" befindet sich am Gellertplatz, unweit vom Reumannplatz in Favoriten. Josef Nesterval, ein korpulenter Mann mit Rauschebart, stellt sich als Direktor vor - und bittet die Gäste zu einer Art Abschlussfeier. In einer seit Jahren verwaisten Kirche in minimalistischer 1960er-Jahre-Architektur nehmen die Besucher ihre Plätze ein - und Lucy McEvil singt. Die Diseuse, bodenlanges Kleid, grell geschminkt, Chignon-Perücke, verkörpert die Kunstfigur Frau Karl.

Die Darbietung wird jäh unterbrochen: Zwei Performer sind bei einem grauenerregenden Ereignis um ihr fiktives Leben gekommen! Wer sind die Toten? Wie hätte sich das Unglück verhindern lassen? Fragen, welche die Besucher in den kommenden drei Stunden beantworten sollen. Das Bühnenkollektiv spult in einer Art Zeitreise das Geschehen gleichsam zurück, die Theaterbesucher ändern den Verlauf der Geschichte. Siegt das Gute? Das Böse? Die Wette läuft.

Information

Performance

Nesterval’s Dirty Faust: The Time of their Life and Death

10., Gellertplatz 7

Wh.: bis 12. November

Die Show "Nesterval’s Dirty Faust" nimmt in der adaptierten Kirche und in dem angrenzenden Gebäude ihren Lauf. Das queere Performancekollektiv Nesterval, 2011 in Wien gegründet, hat sich in den vergangenen Jahren mit aufwändigen Schnitzeljagden für Erwachsene ("Der letzte Ball") einen Namen gemacht. Mitmachtheater - sogenanntes immersives Theater - ist eine weitere Nesterval-Disziplin; dabei wird der Theaterraum selbst zum Erlebnisraum. Die Zuschauer bewegen sich frei durch die bis ins kleinste Detail arrangierten Rauminstallationen, sammeln Erfahrungen in den inszenierten Welterfindungen.

Perfide Akkuratesse

Die Künstlergruppe Signa (zuletzt mit "Us Dogs" bei den Wiener Festwochen) zählt zu den Pionieren dieser Theaterbewegung. Nesterval ist Signa auf Wienerisch. In Sachen Ausstattung kann das Nestervalsche Treiben auf alle Fälle mithalten. Die Nebenspielstätten sind mit perfider Akkuratesse als Zeitkapseln eingerichtet, die Geschichte von "Dirty Faust" kurios verstiegen: Die 1980er-Jahre-Filmromanze "Dirty Dancing" prallt auf Goethes "Faust". In den Räumen der Installationen verbreitet sich das Gerücht, dass eine junge Frau namens Erna schwanger ist. Ist Erna etwa Fausts Gretchen? Oder Penny Johnson? Die Filmfigur aus "Dirty Dancing" wurde jedenfalls von einem Hotelgast geschwängert und sitzengelassen. Viele Zeichen weisen darauf hin, dass Faust in diesem Spiel eine Frau mit langen roten Haaren ist, die sich Dr. Flora Neumann nennt und für Erna alias Gretchen aka Penny schwärmt. Tolles Durcheinander in Favoriten! Die Zuschauer haben zu entscheiden, ob Erna abtreiben soll.

Das Publikum entscheidet sich für das Leben. Ein Toter weniger. Am Ende versammeln sich alle wieder in der Kirche. Auf entstellte Faust-Zitate folgt ein Tanzauftritt des Ensembles, inklusive "The Time of My Life"-Tanz. Anschließend Party für alle.





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Theaterkritik

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-26 16:05:08
Letzte Änderung am 2017-10-26 16:19:38


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