• vom 14.11.2017, 17:08 Uhr

Bühne

Update: 14.11.2017, 17:56 Uhr

Ausstellungskritik

Zwischen Schönklang und Rebellion




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Von Peter Nonnenmacher

  • Glänzende Ausstellung über die Geschichte der Oper in den neuen Räumen des Victoria & Albert Museums in London.

Eleganz in der Opernloge: ein Ölbild von Eva Gonzalès (1849-1883).

Eleganz in der Opernloge: ein Ölbild von Eva Gonzalès (1849-1883).© Musee d’Orsay/Bridgeman Images Eleganz in der Opernloge: ein Ölbild von Eva Gonzalès (1849-1883).© Musee d’Orsay/Bridgeman Images

Berückenden Arien lauscht man. Berauschenden Chören. Dann wieder wird Trommelfeuer aus Maschinengewehren laut. Meerjungfrauen ziehen ungerührt durch die Wellen einer knarzenden Bühne. Salome küsst mit wahnwitzigen Tönen den abgeschlagenen Kopf von Johannes, dem Täufer. Eine Sowjetbäurin legt den Finger an den Mund, weil sie Stille will.

"Passion, Power and Politics" hat diese Veranstaltung ihrem Publikum versprochen. Leidenschaft, Machtkämpfe und eben auch Politik. Ihr Versprechen hält sie. Aber Obacht: Die große Londoner Opernshow dieses Herbstes darf man nicht im Royal Opera House am Covent Garden suchen. Sie findet ganz woanders statt. Nämlich in den neuen Kellergewölben des Victoria & Albert Museums. Im jüngst erst eröffneten Sainsbury-Flügel, an der Exhibition Road in South Kensington.

Information

Ausstellung

Opera:
Passion, Power and Politics
London, bis 25. Februar 2018

Vergnügen statt Überfülle

Es ist eine faszinierende Ausstellung, diese Gala-Feier der Oper. Drama von vorn bis hinten, in Bild und Ton. Wie sich die Oper gesellschaftlichen Entwicklungen verdankt, wie sie auch rebelliert gegen gesellschaftliche Verhältnisse: Das wollten die Macher der Schau für Opernliebhaber wie für "Beginners" inszenieren.

Den Anstoß für die Show gab der inzwischen verstorbene deutsche V&A-Direktor Martin Roth zusammen mit dem Dänen Kasper Holten, dem früheren Direktor des Königlichen Opernhauses. Auch der Musikchef der Royal Opera, Antonio Pappano, ein Engländer italienischer Abkunft, war mit von der Partie. Das Ganze ist eine Art Multimedia-Veranstaltung von ausgesprochen multinationalem Charakter: Die Qualität der Kopfhörer-Akustik und die sorgsam durchdachte Darbietung machen sie zu einem Vergnügen. Denn statt die Ausstellung mit 400 Jahren Operngeschichte zu überladen, haben das Museum und seine Kuratorin Kate Bailey ganz gezielt sieben Opern sieben verschiedener Komponisten, aufgeführt in sieben verschiedenen Städten, aufs Programm gesetzt und jeder davon den nötigen Platz eingeräumt. Die Auswahl hat die eine oder andere Frage aufgeworfen. Sie hat aber, im Konzept dieser Ausstellung, vieles für sich.

So beginnt die Show mit Monteverdis "L’incoronazione di Poppea", 1643 auf die Bühne gebracht in Venedig. Kostbare Tafelware, Kurtisanen-Plattformschuhe, heitere Salonszenen illustrieren den damaligen Reichtum der Stadt. Als "erste öffentliche Oper" stuft das V&A die "Poppea" ein: Als den Punkt, an dem sich Pantomime, Karneval, Zirkus und Straßentheater zu etwas Eigenem, zu einem neuen Genre, verbanden - halt zur "Opera", die alles Bisherige umfasst.

Mit besonderer Hingabe ist die zweite Station, Händels "Rinaldo", inszeniert - immerhin geht es um das London des Jahres 1711, um die Welthandelsstadt, um die Krone. Ein im Graffiti-Stil gehaltener Wandtext erläutert, dass hier ein Teutone den Briten "Unterhaltung nach italienischer Art" bescherte. Nicht jedem war es recht. Ein Teil der zeitgenössischen Londoner Presse betrachtete "europäische Oper" als Bedrohung für die eigenen Theatertraditionen. Verdrossen vermerkte 1711 die Zeitschrift "The Spectator", dereinst würden sich "unsere Urenkel fragen, warum ihre Vorfahren in ihrem eigenen Land gleichsam wie Ausländer auf den Rängen saßen und Dramen verfolgten, die in einer Sprache verfasst waren, die sie nicht verstanden".

So viel anders sind auch die Argumente nicht, mit denen mancher in England heute "den Europäern" gern die Tür weisen würde. Wer dagegen durch die Räume der Ausstellung schlendert, spürt nichts als Austausch. Auf Mozarts "Le nozze di Figaro" in Wien (1786) und Verdis "Nabucco" in Mailand (1842) folgt die berühmte "Tannhäuser"-Aufführung Wagners in Paris von 1861, die einen beispiellosen Skandal entfachte.

Wie ein weites Tableau liegt in dieser Ausstellung der Kulturraum Europa vor dem Betrachter. Kleine Kostbarkeiten an Gemälden und anderen Objekten sind den Opern zugeteilt, wie Mozarts Piano, Ölporträts des jungen Verdi, Manets Gemälde "Musik im Tuileriengarten". Im Händel-Bereich stößt man auf die erwähnten Meerjungfrauen nebst schwankender Galeone, auf einer liebevoll nachgestalteten und von allen Seiten einsehbaren Barockbühne, einem Kleinod früher Maschinerie. Jeder Raum wartet mit neuen Überraschungen auf.

Wachsender Wunsch nach Selbstbestimmung, Rebellion gegen Klassenschranken und Geschlechterrollen spiegeln sich im Abgebildeten und zu Hörenden. Geradezu revolutionär musste im 18. Jahrhundert beim "Figaro" anmuten, dass eine Gräfin und ihr Dienstmädchen miteinander sangen, dass sie als gleichberechtigte Sängerinnen auftraten.

Oper als "Todsünde"

Passion? Power? Politics? Das alles trifft auch auf die letzte, siebente Oper zu: Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" missfiel bei einer Aufführung 1934 Josef Stalin so sehr, dass die "Prawda" danach einen Verriss druckte. Das Stück wurde abgesetzt, der Komponist des expressiven, bissigen Werks musste um sein Leben fürchten. Er sollte nie mehr eine Oper schreiben.

Wird diese Ausstellung auch "Beginners" anziehen? Mit Besucher-Rekorden wie bei der V&A-Vorjahresschau über die Popkultur der 60er Jahre rechnet keiner. Immerhin sammeln sich Liebhaber des Genres, die wie der selbstbewusst progressive Londoner "Guardian" Oper gegen den Vorwurf der Abgehobenheit in Schutz nehmen: "Oper wird oft als elitär verschrien. Aber da ist noch eine ganz andere Geschichte, die die Geschichte der Oper erzählt."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-14 17:11:09
Letzte nderung am 2017-11-14 17:56:37



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