"Kommunikative" Opernmusik: Valtinoni. - © Diego Ferrini/Vicenza
"Kommunikative" Opernmusik: Valtinoni. - © Diego Ferrini/Vicenza

Wien. Streitlustig wirkt der Mann mit dem gemütlichen Lächeln und dem eleganten Sakko nicht. Ein wenig provokant kann es aber schon klingen, was Pierangelo Valtinoni über seine Kollegen sagt. Andere Komponisten, erklärt er, hätten die tonalen Werke ihrer Jugend zurückgezogen und nur ihre modernen für gültig befunden. Bei ihm sei das umgekehrt. Zwar habe auch er sich mit der Avantgarde befasst - sie sei aber nicht das seine gewesen. "Ich habe dann eine radikale Entscheidung getroffen und verwende heute ein System, das mir erlaubt, Bezüge zur Vergangenheit herzustellen, ohne sie zu wiederholen." Kurz gesagt: "Meine moderne Phase habe ich hinter mir, ich bin in der tonalen."

Nun kann man über einen solchen Ansatz natürlich ideologisch streiten (Stichwort: Muss neue Musik nicht auch neu klingen?), und bei Avantgarde-Festivals wie Wien Modern und Donaueschingen ist kein Blumentopf damit zu gewinnen. Dafür ist Valtinoni etwas anderes gelungen - nämlich ein Welthit. Seine Kinderoper "Pinocchio" ist mittlerweile in sechs Sprachen übersetzt worden, hat Aufführungen in Russland, China, Peru, Italien, Portugal, Deutschland gesehen - und erreicht an diesem Sonntag an der Volksoper erstmals österreichisches Terrain. Guido Mancusi dirigiert, Philipp M. Krenn inszeniert das Stück über den Holzknaben mit der verräterischen Lügennase.

Klein angefangen


Als Valtinoni die Noten setzte, hatte er den Weltmarkt noch nicht im Blick. Der Italiener unterrichtete damals am Konservatorium von Vicenza, und der Chef des zugehörigen Orchesters erbat sich eine Oper über "Pinocchio". Valtinoni sagte sie ihm zu - hatte aber Bedenken wegen des Sujets. Stimmt zwar: Die Geschichte über die Puppe, die zum Menschen aus Fleisch und Blut wird, ist unerreicht populär und würde, sagt Valtinoni, in jeder italienischen Familie erzählt. Was ihn aber an der Kinderfigur von Carlo Collodi stört: "Der moralische Zeigefinger, dieses dauernde ‚Du darfst das nicht‘. Ich habe als erstes gemeinsam mit Librettist Paolo Madron versucht, diese Stellen zu eliminieren."

Im Jahr 2001 ist das Ergebnis der gemeinsamen Mühwaltung dann in Vicenza uraufgeführt worden. Ein abendfüllendes Werk war es damals allerdings noch nicht, auch nicht für ein echtes Opernhaus konzipiert: Mit Ausnahme von zwei Profisängern war dieser 45-minütige "Pinocchio" auf halbwüchsige Musiker zugeschnitten. Die Dinge kamen allerdings in Bewegung, als Valtinoni einen Mitschnitt (noch auf Videokassette) an den Verlag Boosey & Hawkes sandte. Der war nicht nur angetan, sondern sah einige Entfaltungsmöglichkeiten in dem Stück. Die Folge: Valtinoni erweiterte es um etliche Szenen, ließ das kleine, freche Püppchen nun auch in einem gewaltigen Fisch verschwinden und kurzzeitig erkranken. Außerdem mischten in den zwei Akten nun deutlich mehr erwachsene Sänger mit, und der Orchestergraben füllte sich mit Profis.

In dieser Form trat das Werk seinen Siegeszug an - und bescherte seinem Schöpfer auch Folgeaufträge: Im Team mit Paolo Madron hat der Italiener, Jahrgang 1959, mittlerweile auch die "Schneekönigin" und den "Zauberer von Oz" in Noten gesetzt.

Wie schafft man es eigentlich, die Aufmerksamkeit von Kindern einen Opernabend lang zu bannen? Valtinoni: "Ich verwende für ein solches Stück keine andere Klangsprache als für Erwachsene. Allerdings: Die Kinder haben eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne, dafür braucht man eine Strategie." Die Lösung laute Kurzweil: Valtinoni will in rascher Folge unterschiedliche Emotionen wecken - Ernst und Belustigung, Trauer und gute Laune; überhaupt sieht er es als seine vornehmste Aufgabe, Gefühle auszulösen, eine "kommunikative" Musik zu schreiben.

Kann er sich auch vorstellen, eine Oper für Erwachsene zu verfertigen? Hat er bisher nämlich nicht. "Schon. Aber was mich inspiriert, ist die Welt des Märchens. Eine Oper über ein politisches Thema könnte ich nicht schreiben."