Ob das Lügen zum Menschwerden dazugehört? - Juliette Khalil in der Titelrolle von "Pinocchio" in der Wiener Volksoper. - © Volksoper
Ob das Lügen zum Menschwerden dazugehört? - Juliette Khalil in der Titelrolle von "Pinocchio" in der Wiener Volksoper. - © Volksoper

"Das ist sehr freundlich, Herr Thunfisch, aber ich kann nicht aus meiner Haut..." Spätestens nach dem Tiefseedialog des kleinen Titellügners, Pardon: -helden mit dem geplüschten Meerestierchen war es um das Wiener Publikum ganz geschehen. Der Zauber von Pierangelo Valtinonis zweiaktiger Oper "Pinocchio" hatte endgültig zugeschlagen - wobei sich angesichts der vielen eigenwilligen Momente öfters die Frage nach einer Charakterisierung stellte. War dieser Pinocchio mit Paolo Madrons bezaubernden Texten auf die berühmten "avventure di Pinocchio" von Carlo Collodi nicht doch eher eine Kinderoper - gemacht von Kindern für Kinder? Denn die übernahmen dank des perfekt einstudierten Kinder- und Jugendchores der Volksoper Wien (Leitung: Brigitte Lehr) das Regiment auf der Bühne. Oder handelte es sich doch um ein Mut-Mach-Märchen für Groß und Klein? Bestimmt. Eventuell ist es auch eine schlichte Anleitung zum Menschwerden. Und höchstwahrscheinlich ein bisschen von allem.

Plaudereien auf
dem Meeresboden

Im Mittelpunkt der bewegenden wie bewegten Bilder standen jedenfalls die vielen Irrungen, die es für die kleine, freche Holzpuppe braucht, um endlich Mensch aus Fleisch und Blut zu werden. Gerade der Fürsorge des Vaters und Schöpfers Geppetto (Daniel Ohlenschläger, berührend in jeder Faser seines Timbres) entflohen, katapultierte sich Pinocchio in die Fänge des bösen Zirkusdirektors Mangiafuoco (erschreckend passend besetzt mit Maximilian Klakow), der die Marionette für seine Programmallüren benützte.

Was war Pinocchios Dank für die immerwährende Hilfe der guten Fee, rührend gegeben von Martina Dorak? Es blieb menschlich: Trotzige Kurzschlussreaktionen, lautete die Devise. Und so landete der kleine Holzmann nach einem eisigen Intermezzo vor winterlichem Schneckenhaus (Andreas Ivancsics sorgte durch den ganzen Abend für bezaubernde Videos) mit immer länger werdender Lügennase auf dem OP-Tisch, vergeudete Zeit im computerspielgetriebenen Schlaraffenland, plauderte auf dem Meeresboden mit allen möglichen Tentakel- und Flossengenossen - und fand schließlich sein Glück: Im Bauch des Wales, wieder vereint mit Papa Geppetto, stand der harmonischen Wonne Pinocchios nichts mehr im Wege.

Klingt nach einer aufregenden Tour de Force? Bestimmt, und der kleine Holzheld war für diese aufregende Reise perfekt besetzt: Volksopernliebling Juliette Khalil machte einmal mehr ihrem Namen als quirlige Vollblutdarstellerin alle Ehre. Sie nahm es mit dutzenden von kleinen Mitspielern gerne auf. Gemeinsam mit dem schier vor Energie explodierenden Jung-Ensemble (und ein bisschen Alt-Ensemble) sprang, flog, polterte sie durch die zauberhaften Bilder von Regisseur Philipp M. Krenn. Bewundernswert! Alle wurden eins mit den geschmackvollen Farbbildern von Nikolaus Webern, den feinen Kostümen von Julia Schnittger - über allem immer Ivancsics’ amüsante Videos - und der harmoniesüchtigen Musik.

Einladung
zum Wohlfühlen

Komponist Valtinoni will hier keinesfalls provozieren, er sucht keine Revolutionen, sondern widmet sich der gepflegten Unterhaltung. So war die Luft an diesem Abend der österreichischen Erstaufführung unter den zufriedenen Blicken des Komponisten gesättigt von Melodien, Zitate von Jazz bis Bossanova, von Rumba bis zu manchem Musicalkollegen sorgten für das stimmige Bild, das Dirigent Guido Mancusi mit dem enthusiastisch agierenden Volksopernorchester verfolgte.

Mit dieser ausgefeilten Produktion bietet die Volksoper den Wiener Musiktheaterfreunden zwei Stunden Kurzweil, die zum Träumen, Weinen, Lachen, schlicht Wohlfühlen einlädt. Und natürlich zum Hingehen. Starker Jubel am Premierenabend!