"Das Gesetz stattet Sie mit der Macht aus, über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden." Mit richtungsweisenden Worten beginnt der Theaterabend "Terror" in den Wiener Kammerspielen. Die "Richterin" spricht das Publikum als Schöffen an. Der Vorhang hebt sich, das Gericht tagt, das Spiel beginnt.

Verhandelt wird 164-facher Mord: Ein Kampfpilot schießt befehlswidrig ein von Terroristen entführtes Flugzeug ab, weil die Maschine direkt Kurs auf ein Fußballstadion nahm. Der Soldat wird angeklagt, 164 Flugzeuginsassen getötet zu haben, um 70.000 Stadionbesucher vor dem sicheren Terrortod zu retten. Macht dies den Piloten zum Verbrecher? Zum Helden? Das Publikum entscheidet über Schuld oder Unschuld.

Das Gerichtsdrama des deutschen Strafrechtlers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach stellt die Kardinalfrage: Wie gehen wir mit Terrorismus um? Die Gerichtsverhandlung in "Terror" fräst sich gleichermaßen durch existenzielle Werte unserer Gesellschaft: Wer entscheidet über Leben und Tod? Lässt sich Leben gegen Leben aufrechnen?

Meistgespieltes Stück

Der Rechtsfall mag frei erfunden sein, er wurde von Schirach aber so plausibel herausgearbeitet, dass er sich durchaus ereignen könnte.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass das auch sprachlich glasklar formulierte Stück, das pointiert durch die Pro- und Contra-Beweisführung navigiert, seit der Berliner Uraufführung 2015 zu einem der weltweit meistgespielten Stücke avanciert ist; die TV-Verfilmung im vergangenen Herbst geriet zum medialen Großereignis von ARD, ORF und SRF.

Die Kritik reagierte indes gespalten: "Terror" wurde als "Effekthascherei" abgetan - oder zur "Meisterleistung" hochgejubelt. Die "Süddeutsche Zeitung" verglich Ferdinand von Schirach mit Friedrich Schiller.

In den Kammerspielen - die Bühne von Walter Vogelweider als aseptisch sauberer Gerichtssaal - überrascht Regisseur Julian Pölsler mit einer Art inszenatorischem Coup, indem er alle sieben Rollen weiblich besetzt. Als Vorsitzende führt Julia Stemberger souverän durch die Verhandlung; Susa Meyer agiert als Staatsanwältin routiniert; Martina Stilp-Scheifinger ist eine überzeugende Verteidigerin; Alexandra Krismer ein besonnener Offizier mit strengem Scheitel, und Pauline Knof als angeklagter Kampfpilotin Lara Koch sieht man die Konzentration und Anspannung von der Verlesung der Anklageschrift bis zur Urteilsverkündung förmlich an.

In Schirachs Vorlage behauptet sich die Staatsanwältin gegenüber einer Männerriege - durch das weibliche Wiener Ensemble konzentriert sich die Handlung noch intensiver auf den eigentlichen Fall, da jedes zwischengeschlechtliche Intermezzo wegfällt.

Überhaupt vertraut die Inszenierung dem Text, scheut nicht vor einer gewissen Nüchternheit zurück, die Gerichtsdramen häufig mit sich bringen. Ohne große Regiesetzungen wird die Verhandlung betont sachlich dargeboten. Das verdichtete Kammerspiel macht sich bezahlt: Dem Ensemble gelingt es, in der zweieinhalbstündigen Aufführung juristisch komplexe Fragen fesselnd zu verhandeln. In der Pause stimmt das Publikum ab. Mit 223 zu 134 Stimmen lautet das Urteil bei der Premiere: Freispruch.