St. Pölten. Druck aufbauen bis zum mehr zynischen als ironischen Happy End. Um den festlichen Familientisch herum sitzen endlich Vater und Mutter und die erwachsene Tochter. Großvater, ruraler Patriarch und politischer Strippenzieher, erhebt das Glas: "Darauf trinken wir! Felix schreibt wieder." Felix, der Schriftsteller in einer Schaffenskrise, fand wieder einen Stoff zum Verwursten.

Seine eigenen emotionale Ausbrüche halten die vom NÖ Landestheater bei Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij bestellte Fünf-Personen-Konversation "Erleichterung" in Spannung. Diese beiden Leuchtfiguren der ungarischen Opposition, er Regisseur, sie Schreiberin, sind ins Ausland abgedrängt. Ihre überzeugende Visitenkarte gaben sie im Akademietheater ab: "Eiswind", eine Warnung vor neuem Nationalismus und Radikalismus als Antwort auf die Flüchtlingsfrage. Für St. Pölten schoben sie das Thema in eine kleinstädtische Prominentenfamilie. Dort spricht man vom Asylantenheim in Niederösterreich, von NGOs in Wien schon in der Sprache österreichischer Krawallblogs ("Negerspaghetti").

Die Story tritt aussagekräftiger auf als manche poststruktural-postdramatische Textfläche: als tragische Farce um ungesühnte Schuld im Black Cube der nackten Bühne 100 pausenlose Minuten lang. Felix, der Schriftsteller, überrascht mit einem Richtung Publikum gesprochenen Geständnis. Vor 23 Jahren fuhr er mit dem Auto einen Buben an und floh. In seiner Selbstbespiegelung bläst er sich zum Dämon auf: "Würde ich mich selber erkennen, würde ich nie mehr schreiben." Ein humpelnder junger Mann wuchtet sich nun aus dem Saal auf die Bühne: das Opfer von damals. Die lokalpolitisch aktive Gattin des Schriftstellers leitet ein Asylantenheim, das ihr großvölkisch denkender Vater – ein Bauunternehmer – schließen möchte, um ein alle Stücke spielendes Freizeitzentrum hinzuklotzen.

Felix, zerrissen zwischen den Fronten, sucht Unterschlupf bei einem gehbehinderten Tankwart. Ja, der Nämliche! Sühnebereit will ihn Felix in seine Kleinfamilie integrieren. Doch sein Töchterchen lockt auf der Couch aus dem Gast das Monster heraus. Krachbumm! Der vom vermeintlichen Opfer als allein schuldiger Täter Angeprangerte ergreift die Flucht. Felix verliert die Nerven, springt an die Wand, will seine Frau Regina umbringen. Doch rasch sinkt er verzeihungsheischend auf die Knie. Großvater erscheint mit Speis’ und Sekt – und der Frohbotschaft, dass sich die verkrüppelte Altlast umgebracht hat. Für Felix heißt das Schuld ohne Sühne. Oder Dostojewski andersrum.

Schilling und Zabezsinszkij versichern sich im Ausland der Mitarbeit des jeweiligen Ensembles. Eine Phrase wie "Stimmt’s oder hab ich Recht?" ist wohl eine lokale Wortspende. Die Darstellenden reißen mit in Szenen, wie von ihnen nur für sich erfunden: Michael Scherff als Felix, wenn er außer sich gegen die Wand springt, Tim Breyvogel als Kraftlackel von einem Krüppel in Vergewaltigungsekstase, Cathrine Dumont, wenn sie als Tochter der Familie den Krieg erklärt. Bettina Kerl besticht als Lokalpolitikerin mit gewissenloser Glätte, Helmut Wiesinger als Dorfpatron mit der pampigen Gewissheit, die konservative Mehrheit hinter sich zu haben.

Schilling und Zabezsinszkij wollen auch österreichische Ungarn und Pilger aus der Heimat bedienen mit dem Spieltext in ihrer Muttersprache, auf die Hinterwand projiziert. Darum teilten sich sowohl ein niederösterreichisches Heimat- als auch ein kulturpolitisches Exiltheater den reichen Applaus.