• vom 04.12.2017, 16:22 Uhr

Bühne

Update: 04.12.2017, 16:39 Uhr

Opernkritik

Gefangene der Lust




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Von Judith Belfkih

  • Die "Lulu"-Neuauflage an der Staatsoper ist musikalisch hervorragend und szenisch schlüssig.

In der Trieb-Manege: "Lulu" Agneta Eichenholz und "Maler" Jörg Schneider.

In der Trieb-Manege: "Lulu" Agneta Eichenholz und "Maler" Jörg Schneider.© Wr. Staatsoper/Michael Pöhn In der Trieb-Manege: "Lulu" Agneta Eichenholz und "Maler" Jörg Schneider.© Wr. Staatsoper/Michael Pöhn

Hinter all der tosenden Dramatik und Schroffheit, gar nicht so tief unter der formal 12-tönenden Strenge und den sich daraus ergebenden Reibflächen hat er eine berückende Zartheit, ja beinahe Zärtlichkeit aufgespürt, hat die Intimität der Partitur herausgeschält und die dringliche Zerrissenheit, die diese den Protagonisten beschert.

Dirigent Ingo Metzmacher erwies sich bei der Premiere von Alban Bergs "Lulu" in der Staatsoper als wahrer Klangzauberer am Pult des bestens disponierten Staatsopernorchesters. Er verwies mit seiner sängerfreundlichen Lesart nicht nur auf den Nuancenreichtum von Bergs Oper, sondern auch auf die unmittelbar emotionale Sprengkraft der Partitur und den oft gut versteckten glühenden Spät-Romantiker in Berg. Stets um feine Klangbalance und dramaturgisch schlüssige Klangbögen bemüht, macht Metzmacher diese "Lulu" zu einer lohnenden, neugierigen wie packenden Klangreise - auch im dritten von Friedrich Cerha fertig orchestrierten Akt.

Information

OPER

Lulu
Ingo Metzmacher (Dirigat)
Willy Decker (Regie)
Wiener Staatsoper
Termine: 6., 9., 12. & 15. Dezember

Feine Klangarbeit

Dass Metzmachers feine Klangarbeit aufging, lag auch an einem guten Ensemble, an dessen Spitze Agneta Eichenholz als souveräne, vokal elegante und szenisch überzeugende Titelheldin ihr Haus-Debüt gab. Ihr ebenbürtig die ihr Verfallenen: Jörg Schneider als vitaler Maler, Bo Skovhus als stimmlich wie darstellerisch getriebener Dr. Schön, Angela Denoke als edel gebrochene Gräfin Geschwitz sowie Herbert Lippert (Alwa), Wolfgang Bankl und Franz Grundheber.

Regisseur Willy Decker greift für die Wiederbelebung seiner erweiterten Inszenierung aus 2000 nach wie vor das Tierbändiger-Bild des Prologes auf und hat mit Ausstatter Wolfgang Gussmann eine schlichte Arena als Bühne erdacht. In dieser Manege gibt es nicht nur stumme Zuseher - einmal Gaffer, dann Reporter, Polizisten und Freier, zuletzt Mörder - auch die beiden Ebenen bespielt Decker geschickt. Mit diesen Wechseln der Perspektiven und Szenen gelingen ihm starke, überzeugende Bilder. Was Decker in der Manege verhandelt, ist jedoch nicht der Kampf der Geschlechter. Es ist das Ringen des Mannes mit seiner eigenen sexuellen Abhängigkeit und Hörigkeit.

Das Auge des Sturmes

Täterin ist diese Lulu keine - eher das ruhige Auge, um das ein gewaltiger Sturm tobt und immer neue Opfer in seinen Wirbel reißt. Der fegt mit Lulu durch alle sozialen Schichten, durch die sie von Mann zu Mann gereicht wird. Der Hobel, der hier alle gleich macht, ist nicht der Tod, sondern der Trieb. Lulu selbst ist nicht taktierende Mörderin, sondern eine ums eigene Überleben Kämpfende, die sich von einem sinkenden menschlichen Wrack zum nächsten rettet. Die Abhängigkeit des Mannes von seiner Begierde hat Decker als zentrales Motiv sehr klar, mitunter plakativ herausgearbeitet. Es ist der männliche, gierige Blick, der Lulu ihre Zerstörungskraft einschreibt. Er reißt sie alle, letztlich auch Lulu in den Abgrund. Auch wenn Lulu meist im Negligé auftritt, so tut sie recht wenig, um die Männer scharenweise zu bannen. Im Finale ist es dann auch nicht alleine Jack the Ripper, der Lulu tötet, sondern ein Männer-Kollektiv.

Eine wenn nicht ganz neue, so jedenfalls großteils geglückte Produktion und ein (gesellschaftlicher) Spiegel zu Macht und Missbrauch, in den zu blicken sich auch in der aktuellen #metoo-Debatte als lohnend erweist.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-04 16:26:07
Letzte Änderung am 2017-12-04 16:39:52


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