An early ear trumpet on display at the New York Historical Society's exhibition of 'Firsts,' 1950s. (Photo by Three Lions/Getty Images) - © Getty Images
An early ear trumpet on display at the New York Historical Society's exhibition of 'Firsts,' 1950s. (Photo by Three Lions/Getty Images) - © Getty Images

Wen du heute kannst ermorden, den vertröste nicht auf morgen. Eine skurril-morbide Kriminalerzählung unter diesem Motto kreischt geradezu nach Oscar Wilde. Im Untertitel nennt er die Geschichte von "Lord Arthur Saviles Verbrechen" eine "Studie über die Pflicht". Als Lord Arthur von einer Handleserin vorausgesagt wird, dass er jemanden töten werde, zeigt er sich in der Tat äußerst pflichtbewusst. Um sorglos ins Eheleben starten zu können, verschiebt er seine anstehende Hochzeit und versucht, ohnehin dem Tod schon näherstehende Verwandte oder unliebsame Personen ins Grab zu bringen. Mord dürfte aber anscheinend alles andere als einfach sein, denn jeder einzelne Versuch missglückt haarsträubend. Es ist wohl die einzige Kriminalerzählung, bei der man dem Mörder vor lauter Verzweiflung irgendwann am liebsten selbst zur Hand gehen würde. Wobei Lord Arthur bei der jüngsten Bühnenadaption vom "Theater ohne Licht" in Wien sogar die perfekten räumlichen Voraussetzungen für sein Verbrechen hätte: keine Augenzeugen - die völlige Dunkelheit.

Klare Bilder im Dunkeln

Dies ist keine Metapher für inszenatorische Kunstgriffe oder düsteres Bühnenbild. Die Theaterversion des "Dialog im Dunkeln" spielt in absoluter Finsternis. Wie bei der regulären Ausstellung des "Dialogs" werden die Besucher von blinden oder sehbehinderten Guides in einen völlig abgedunkelten Raum geführt. Hat man sich auf seinen Sessel vorgetastet, ohne unabsichtlich auf dem Schoß des Nachbarn zu landen, hat man die schwierigste Übung zwar hinter sich. Aber ohne auch nur die flüchtigsten Umrisse ausmachen zu können, ist man nun auf die übrigen Sinne zurückgeworfen und erkennt plötzlich, wie sehr man sich bisher auf die eigene Sehkraft verlassen hat. Beklemmung und Unsicherheit bestimmen die ersten Minuten im Saal. Bevor man sich schon verzweifelt zum benachbarten Knie vortastet, macht das von der Wiener Hörbuchhandlung Audiamo gegründete Audiamo-Live-Ensemble den Raum zum Katalysator der Vorstellungskraft. Die Stimmen von Judith Neichl und Markus Freistätter, begleitet von Geräuschen und Musik, lassen in der Dunkelheit viel lebendigere und klarere Bilder im Kopf entstehen, als es bei Licht je möglich wäre. Ohne jede visuelle Ablenkung wird dem Besucher nichts vorexerziert, alles darf er sich selbst zusammenimaginieren. Am 5. Dezember hat Lord Arthur zwar seinen vorerst letzten Auftritt in der Finsternis, aber im Frühjahr 2018 soll ein neues Stück verdunkelt werden.