Vermutlich wird der eine oder andere die Stirn runzeln: Ein Theater, bei dem es absolut nichts zu sehen gibt? Hier muss man die Zyniker gleich in die politisch-korrekten Schranken verweisen: Der "Dialog im Dunkeln" hat sich immerhin zum Auftrag gemacht, den Sehenden die Welt so näherzubringen, wie sie die Nicht-Sehenden erleben. Überspitzt könnte man also sagen: Was Sehende vom "Theater ohne Licht" also als außergewöhnliche Erfahrung mitnehmen, wäre für blinde Menschen vielleicht ein ganz normaler Theaterbesuch. Freilich könnte man munkeln, dass die performative Ebene insgeheim unterschlagen und bloß auswendig vorgetragen wird. So einfach macht man es sich hier aber nicht, wie Schauspielerin und Organisatorin Judith Neichl verrät: "Wir spielen tatsächlich und bewegen uns auf der Bühne." Wie genau das im stockdunklen Raum funktioniert, soll aber ein Mysterium bleiben.

Im Grunde könnte man also von einer Ur-Form des Genres "Hörspiel" sprechen, die es auf seine wesentlichen Paradigmen zurückführt: hören und spielen. Immer wieder veranstaltet das Audiamo-Ensemble Ähnliches auch bei Licht, sogenannte "Live-Hörspiele". Diese sind quasi die andere Seite derselben Medaille: Während beim "Theater ohne Licht" gespielt wird, aber nicht gesehen, wird bei den Audiamo-Veranstaltungen zwar gesehen, aber nicht im eigentlichen Sinn gespielt. Die Sprecher arbeiten mit Textbuch und Stand-Mikrophon. Schnittpunkt beider Formen: die sprachliche Gestaltung.

Anders als bei einer reinen Lesung verzichtet man beim Live-Hörspiel aber nicht ganz auf performative Elemente: "Wir lesen unseren Text nicht nur, sondern gestalten unsere Charaktere schon auch szenisch", sagt Neichl. Ein verächtlicher Blick, ein verschwörerisches Nicken oder ein freudiges Zuprosten sind also durchaus Genre-inbegriffen.

Einmalige Gelegenheiten

Dennoch ist es nicht leicht, das Live-Hörspiel als Gattung eindeutig abzugrenzen. Immerhin gibt es auch andere Mischformen zwischen Textvortrag und Spiel, wie etwa szenische Lesungen. "Es ist ja auch eine sehr junge Form, die erst mit den Radio-Sendungen aufgekommen ist", gibt Neichl zu bedenken. "Da hat uns das klassische Theater einige tausend Jahre voraus." Als wohl eindeutigstes Charakteristikum sieht sie Geräusche und Musik von Soundmann Günter Rubik, mit denen auf der Bühne gearbeitet wird.

Neben ihrer außergewöhnlichen Form der Darstellung genießen die Live-Hörspiele auch eine gewisse Exklusivität: Jedes wird in der Regel nur einmal aufgeführt, und zwar im Keller des Wiener Lokals "Aera". Das bisherige Repertoire besteht dabei aus einer bunten Mischung an Eigenproduktionen, Grusel-Geschichten wie "Sleepy Hollow" oder Klassikern wie "Sherlock Holmes" - und eben auch "Lord Arthur Saviles Verbrechen". Egal wie man dabei zum süffisant-lächelnden Ästhetizismus Wildes oder zum inflationären Überverwerten der Sherlock-Holmes-Geschichten steht, immer wieder machen die Audiamo-Veranstaltungen charmant das sichtbar, was gemeinhin unsichtbar bleibt: Sie holen das Hörspiel vom Tonstudio auf die Bühne. Dafür allein würde es sich schon auszahlen, einmal hinzuhören.