Eine sensible Gratwanderung.

Ja, Feinarbeit. Aber diese Grenzen gibt es auch für das Orchester. Es gibt Werke, die werden unbarmherzig schwerer, wenn man sie langsam spielt. Ich habe als Dirigent die Gesamtverantwortung für das Stück. Auch den Sängern und Tänzern bin ich verantwortlich, damit sie ihre Parts möglichst sicher und mit der nötigen Routine machen können.

Den Komponisten sollten wir nicht vergessen.

Natürlich (lacht). Berlioz war so ein hitzköpfiger Mensch, der hätte sich mit Händen und Füßen gewehrt, wenn ihm etwas nicht gepasst hätte. Da gibt es ja die fabelhafte Anmerkung an einer Stelle in der Partitur: "Die Szene richtet sich ganz an die Fantasie des Publikums. Ein wirklich fantasiebegabtes Publikum hat man nur in einem von hundert Fällen, und dann muss dieses auch intimstens mit der Shakespeare-Tragödie vertraut sein. Überdies bietet sie dem Dirigenten, der sie aufführen möchte, solche Schwierigkeiten, dass man an dieser Stelle in 99 von 100 Fällen lieber einen Sprung machen möge und lieber gleich mit dem letzten Satz beginne!" Das schreibt er wörtlich! Vielleicht wollte er da auch nur ein bisschen Werbung für sich selbst als Dirigenten machen. (lacht)

Für das Ballett ist eigentlich Prokofjews Partitur ein Begriff. Was unterscheidet Berlioz’ "Roméo et Juliette" von Prokofjew?

Das ist sogar ein extremer Unterschied. Prokofjew hat ja seine Musik komponiert, auf dass sie choreografiert werde. Also im besten Sinne: Gebrauchsmusik, eine genuine Ballettmusik schlechthin. Das ist Berlioz ja nicht. Obwohl diese Partitur eine Art Zwitter ist, denn es gibt Anweisungen, die schon szenisch sind. Es steht zum Beispiel nicht nur "Andante", sondern auch "Romeo alleine". Das ist eine Stimmung der Verlassenheit vielleicht, die ich im Konzert produzieren kann. Aber es hat auch einen theatralischen Effekt, und es eignet sich, um einen Schritt weiter zu gehen und es auf die Bühne zu stellen. So ist Berlioz als Ballettmusik wesentlich experimenteller als Prokofjew.

Welche Komposition dirigieren Sie lieber?

Das kann man gar nicht vergleichen, denn es sind beides Meisterwerke, aber mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlicher Zielsetzung.

Und wenn es nicht Berlioz oder Prokofjew ist?

Es klingt doof, aber: gute Musik. (lacht)

Zur Person

Gerrit
Prießnitz

ist gebürtiger Bonner und seit längerem der Staats- und Volksoper verbunden. 2013 dirigierte er etwa an der Staatsoper die Premiere von Hans WernerHenzes "Pollicino". Er arbeitet mit führenden Sängern wie Piotr Beczala oder Vesselina Kasarova zusammen, Einspielungen liegen u. a. bei Sony Classical vor. Auch unterrichtet er an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien.

Davide Bombana: "Roméo et Juliette",

Wiener Staatsballett an der
Volksoper, Premiere ist am Samstag, 9. Dezember, 19 Uhr.

Weitere Termine: 12, 15., 19., 22. und 27. Dezember.