Vor dem Vorhang ist hinter dem Vorhang. Lautsprecherdurchsagen der Abendregie: "Beginn in fünf Minuten". Ein Schauspieler in Polizeimontur fährt mit dem Staubsauger die Schaurampe ab. Klares Signal: Hier ist Klassikerentstaubung angesagt! Eine aufgedonnerte Zicke setzt sich vor den Schminktisch und probiert die Stimme aus: Bühnen- und Wiener Vorstadtdeutsch. Florian Carove, urkomisch im Tigermantel wie ein Zuhälter, stürzt mit einem Sektkübel in die Garderobe - oder ist schon Vorstellung? Sandra Cervik als Königin Elisabeth blättert noch im gelben Reclam-Heft "Maria Stuart", aber antwortet Frankreichs Gesandtem französisch. Warum der umwegige Spielstart? Günter Krämer, ein Regiegast aus Deutschland, verzichtet in seiner 100-Minuten-Eilfassung auf den ersten, den einführenden Akt. Krämer ist 77, doch den originalitätshaschenden, bildergeilen, texttauben westdeutschen Stadttheater-Moden der 80er, 90er Jahre nicht entwachsen.

Die abgedankte Schottenkönigin Maria Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf. Sie summt "Sur le pont d’Avignon" und stellt sich, man glaubt es nicht, mit dem Auftrittsmonolog von Goethes "Iphigenie" vor. Ihre Amme Kennedy und ihr Kerkermeister Paulet sind gestrichen, sowie alle Redlichen, Menschlichen, Staatstreuen, Frommen, die den Widerpart abzugeben hätten zu den Finstermännern am englischen Hof. Umso lauter die Soldateska zu Westminster mit ihren Leibriemen und Schnellfeuerwaffen.

Zum Weinen schöner Schiller


Im Trauerspiel "Maria Stuart", 1800 in Weimar uraufgeführt, führt Schiller, zum Weinen schön, die in den "Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen" erörterte Dialektik vor: von Notwendigkeit und Freiheit, Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Erkenntnisvermögen, Willkür und Gesetz, Natur und Kultur. Dazu noch das England-Schottland-Trauma und die Front katholisch-evangelisch. Dieses zarte jambische Gespinst, eine symmetrische Konstruktion mit dem Zusammentreffen der Königinnen im Mittelakt, verträgt sanfte Kürzungen. Doch Krämer schiebt ganze Textpakete aus einem Akt in den anderen, halst sie auch fremden Figuren auf, dichtet hinzu. Im Wald, wo sich die Königinnen treffen, ist eine Wildsau zum Ausbluten aufgehängt, Elisabeth trägt Armbrust und Schießbrille. Deftiges Bild, armerudernde Spielastik. Balance und innere Logik bersten, übrig bleibt billiger Effekt, aufgeschaukelt zum Slapstick, wenn Graf Leicester unterm Rokoko-Rock Elisabeths verschwindet.

Sandra Cervik überraschte schon oft durch ihre Wandlungsfähigkeit. Aparte, geheimnisvolle, auch leidensfähige Frau: ja. Doch ein Swarovski-Gupf auf dem Haupt macht noch keine Königin. Wurde ihr zu Liebe der Klassiker bis zur Klamotte hinuntergebogen? Weil sie nur in einer Opera Buffa als Königin passt? Barbusig (im fleischfarbenen Trikot) hat sie Hof zu halten. Wahre Bühnenköniginnen spielen Erotik im Tonfall und mit dem kleinen Finger aus. Was ihr fehlt, wird ausgefüllt durch Proletarisierung und Militarisierung. Raphael von Bargens Mortimer ist ein überforderter Diener in Elisabeths Leibstandarte. Keine Spur von jugendlicher Aufgeregtheit, von Charme und Verzweiflung im Doppelspiel zur Rettung der angebeteten Maria. Roman Schmelzer bleibt als General Davison ein sturer Bock. Tonio Arango tölpelt sich im österreichisch-weißen Waffenrock als Leicester durch das Wechselspiel von Liebe und Intrige.

Auch Elisabeth Rath kam für die Titelrolle als Gast. Was böte diese ranke, abgeklärte Dame einem Regisseur an, der sich auf Schillers Raffinesse einlassen will! Krämer gönnt ihr Soloarien, doch sind es aus den Scharnieren des Dramas herausgehobene Kostproben in klassischer Manier. Diese Maria zelebriert ihren gewaltsamen Tod als Schemenspiel, bei dem sie ihre Gipsmaske zerbricht. Elisabeth nimmt die Splitter zur Hand und setzt dem Spiel ein Ende mit Fragen - aus dem dritten Akt: "Was ist der Mensch. Was ist das Glück der Erde." Halt! Da kommen noch Papierfliegerchen geflogen mit der Nachricht, Graf Leicester sei nach Frankreich geflüchtet.

Nicht jeder Premierengast blieb. Geteilter Applaus.

Theater

Maria Stuart

Von Friedrich Schiller

Günter Krämer (Regie)

Theater in der Josefstadt

Wh. bis 6. April