Wien, 1997. Das freie Theater steckt in einer Identitätskrise. Claus Peymann übernahm gut zehn Jahre zuvor das Burgtheater, die Spielregeln verändern sich: Uraufführungen sind keine Domäne der freien Szene mehr, Nachwuchskünstler haben es in dem abgesteckten Fördersystem besonders schwer. Allen Widerständen zum Trotz formieren sich vor 20 Jahren gleich drei freie Gruppen: Grischka Voss und Ernst-Kurt Weigel gründen das bernhard ensemble - zum Markenzeichen werden sogenannte "Mash-ups", Kombinationen aus Bühnenklassikern und Kultfilmen. "Wir wollten weg vom Stadttheater, ein Ensemble aufbauen, das den Namen auch verdient", erinnert sich Weigel im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Wir wollten alles selber machen, das entsprach unserer Vorstellung von einem ‚puren Theater.‘"

Alle drei Gruppen gibt es bis heute, in der Wiener Avantgarde nehmen sie profilierte Positionen ein. Allein das ist im schnelllebigen Off-Bereich eine Leistung.

Yosi Wanunu und Kornelia Kilga riefen 1997 toxic dreams ins Leben, um szenische Untersuchungen voranzutreiben, die zwischen E und U, zwischen Kunst und Unterhaltung changieren. "Ich kam aus dem New Yorker Avantgardetheater", sagt Wanunu. "Als ich in Wien eintraf, war ich schockiert. Ich dachte, diese Form von Theater sei längst Geschichte."

In Deutschland entwickelte Claudia Bosse schließlich ihr theatercombinat, eine freie Gruppe, die an theaterfernen Orten und im öffentlichen Raum die szenische Möglichkeiten von Körper, Text und Architektur erkundet. "Der Zuschauer wird bei uns zum Ko-Autor", präzisiert Bosse. "Wir entwickeln Situationen in Räumen. Es geht nicht um Narration, sondern um ästhetische Erfahrungen außerhalb stringenter Erzähllogik."

In ihren Ausdrucksformen sind die drei Gruppen grundverschieden, eines verbindet sie dennoch: die Ablehnung des Mainstream-Theaters, die Abkehr von Guckkastentheater und herkömmlichen Stadttheaterformaten.

Hindernisse und Türenknallen


Anfangs gab es viele Hindernisse zu überwinden. Das bernhard ensemble erhielt in den ersten Jahren keine Förderungen; Ernst-Kurt Weigel spricht von notorischem Geldmangel und Rund-um-die-Uhr-Arbeiten im Selbstausbeutermodus. Erst mit Gründung des "off Theaters", ein Spielort im siebten Bezirk, entspannt sich die Lage.

Kornelia Kilga hat noch lebhaft die Zuschauerreaktionen bei toxic-
dreams-Aufführungen vor Augen: "Entweder wir wurden begeistert umarmt oder Zuschauer verließen türenknallend den Raum. Eine extreme Zeit. Neue Theaterformen erzielten viel Aufmerksamkeit."