• vom 18.12.2017, 16:21 Uhr

Bühne

Update: 18.12.2017, 16:43 Uhr

Opernkritik

Die Reinheit und die Beziehungsangst




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Von Reinhard Kriechbaum

  • Deftig, lyrisch, erfrischend: "Eugen Onegin" in der Grazer Oper.

Allein bei Tisch: Oksana Sekerina als Tatjana. - © Oper Graz

Allein bei Tisch: Oksana Sekerina als Tatjana. © Oper Graz

Tatjana, die bisher ihr Buch nicht weggelegt hat, scheint sich hinter dem überlangen, schmalen Tisch (dem einzigen Ausstattungsstück dieses kargen "Eugen Onegin") verstecken zu wollen. Und hat doch nur Augen für den jungen Mann. Onegin schaut geradlinig auf sie: Liebe auf den ersten Blick.

Die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen und ihr Bühnenbildner Gideon Davey haben in der Grazer Oper einfach alles rausgeräumt aus Tschaikowskis Oper. Ein heller Holzdekor-Quader, in dem man keine Türe wahrnimmt, dazu fast über die ganze Bühnenbreite besagter ultra-langer Tisch. Einsamkeit und Ausweglosigkeit sind greifbar, und wenn die Rückwand hochgezogen wird, ist’s kohlrabenschwarz. Null Perspektive für alle Figuren.

Information

Oper
Eugen Onegin
Oper Graz, bis 25. April

Reduzierter, aber auch treffsicherer in der Personenführung kann man den "Eugen Onegin" nicht inszenieren, die Aufmerksamkeit wird auf jede Geste, auf jeden Blickwechsel gelenkt. Und vor allem steht nichts der Wahrnehmung dessen entgegen, was die neue Grazer Opernchefin, die Ukrainerin Oksana Lyniv, in Tschaikowskis Partitur hörbar macht. Das scheinbar so geradlinige melodische Lineament, über und neben dem doch immer die Schlagschatten der Melancholie schweben - das setzt die Dirigentin mit geradezu überrumpelnder psychologischer Genauigkeit um.

Das Grazer Philharmonische Orchester spielt, wie von Last befreit. In der ersten von Oksana Lyniv verantworteten Opernproduktion legt sich das Orchester noch einmal so recht ins Zeug, um bis zum letzten Bläserpult seine lyrischen Fähigkeiten auszuspielen. Doch aus dieser Ecke holt Lyniv ihren Tschaikowski auch gleich wieder heraus, indem sie nicht spart mit Deftigem und wohl-stilisiert Kantigem, nicht nur in den Tänzen. Ein so lyrischer, wie analytisch-erfrischender Blick auf die Komposition.

Dariusz Perczak (eigentlich Zweitbesetzung) hat schon die Premiere übernommen. Er ist ein Onegin, der keineswegs versnobt, gar herablassend wirkt. Wie er auf Tatjana zugeht und sich ihr doch verschließt, sie abweist - das ist in der delikaten sängerischen Gestaltung glaubhaft gelebte Beziehungsangst. Pavel Petrov, ebenfalls Mitglied im Grazer Opernensemble, schmachtet und leidet als Lenski durch die Leidenschaften dieser Rolle, dass es einem nahe geht: ein höhensicherer und unaufdringlicher Tenor. Hochinteressant diese Olga (Yuan Zhang), die zu Beginn mit gleich vier Chor-Männern flirtet und sich im zweiten Akt Onegin deutlich williger hingibt, als man es einer Figur aus der besseren Gesellschaft zutrauen würde. Ein mit differenzierter Altstimme mehr als plausibel gestaltetes Rollenbild zwischen anerzogener Verhaltenheit und juvenilem Auf- und Ausbruchswillen.

Oksana Sekerina, die Tatjana: eine völlig schlackenlose, mühelos über jedes Forte und über jede Höhe geführte Stimme, fast ein Ebenbild der Reinheit und des Zutrauens, wie sie gerade dieser Rolle eignen. Das ist genau jene Diktion, an der sich Anziehung und Abstoßung zwischen Tatjana und Onegin aufs Plastischste entfalten können.





Schlagwörter

Opernkritik, Oper, Eugen Onegin, Graz

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-18 16:26:05
Letzte Änderung am 2017-12-18 16:43:53


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