Die Bühne als Provisorium. An der Rampe links sitzt Markus Meyer vor einem Garderobentisch. Sein Glatzkopf-Haarersatz wird von einer Mitarbeiterin fixiert; im Vordergrund steht ein viereckiges Raumgerüst, das die endlose Renovierung der Familienvilla versinnbildlichen soll. Im Hintergrund eine Holztreppe, ein Kühlschrank, Tische, Stühle.

Regisseur Dušan David Pařízek, der auch die Ausstattung verantwortet, lässt am Wiener Akademietheater von Beginn an keine falsche Gemütlichkeit aufkommen. In der spärlich möblierten Bühnenlandschaft, dem tristen Heim der wohlhabenden Unternehmerfamilie Krause, steht zwei Stunden lang die fortlaufende Verunsicherung unserer Zeit auf dem Prüfstand.

Heiß-kalte Gegenwartsdiagnose

Der erste Ton gehört dem deutschen Schlager: "Wunder gibt es immer wieder". Der Kontrast zwischen Katja Epsteins glockenheller Stimme und dem angehenden Inferno des dysfunktionalen Familiendramas könnte größer nicht sein. Überhaupt wird sich das fortlaufende, rasche Switchen zwischen Stimmungen und Temperaturen, das abrupte Heiß-Kalt zwischen Spaß und Ernst in diesem Stück bald als wirksames Stilprinzip der Schauspielerführung erweisen.

Auf dem Spielplan steht "Vor Sonnenaufgang" in einer Bearbeitung von Ewald Palmetshofer. Gerhart Hauptmanns erstes Theaterstück, 1889 unter Skandalgetöse uraufgeführt, gilt als Beginn des Naturalismus. Die sozialkritische Milieustudie spielt im schlesischen Kohlerevier - und umkreist Alkoholsucht und Werteverfall. Ein korrupter Neureichen-Clan wird zu Fall gebracht.

Ewald Palmetshofer, 39, übernimmt in seiner Fassung von "Vor Sonnenaufgang" den Dramenaufbau, er hält sich weitgehend an die Spannungsbögen, stellt die Figuren und Themen indes vollkommen neu auf. Der österreichische Schriftsteller, der zu den herausragenden Dramatikern seiner Generation zählt, erweist sich darin erneut als scharfer Gegenwartsdiagnostiker und feinsinniger Sprachkünstler.

Alfred Loth (von Michael Maertens wunderbar verhuscht verkörpert) ist bei Palmetshofer nicht mehr der sozialistische Lebensreformer, sondern zweifelt und verzweifelt als Journalist eines links-intellektuellen Wochenmagazins an den rechtsreaktionären Strömungen unserer Zeit. Er wendet sich an einen ehemaligen Studienkollegen, um sich über den Riss in der Gesellschaft klar zu werden. Thomas Hoffmann, den Markus Meyer so aalglatt wie eiskalt und mit zusammengebissenen Zähnen gibt, hat in eine Provinzunternehmerfamilie eingeheiratet - und ist Gründer einer nicht näher definierten rechtspopulistischen Partei.

Früher teilten sich die beiden ein acht Quadratmeter kleines Zimmer im Studentenheim. Man war sich damals auch weltanschaulich näher. Nun ist jeder sein eigener Planet. Alfred erkundigt sich bei seinem ins rechte Denken übergewechselten Freund: "Wie lange, glaubst du, driften wir noch auseinander, bis wir uns nicht mehr hören, wenn wir miteinander sprechen?"

Ein neues Narrativ der Welt

Der Dialog der beiden Männer, die gleichsam konträre Pole der heutigen Gesellschaft verkörpern, markiert eine zentrale Stelle im Stück. Markus Meyer sitzt dabei im Bademantel, die Füße in Hauspatschen gesteckt, auf den Stufen des Hausgerüsts; er schwenkt sein Sektglas, wie er sich die gesamte Aufführung lang an wechselnden Alkoholika festzuhalten scheint. Hoffmann/Meyer wirft sich für die Tüchtigen und Ehrlichen ins Zeug, die, enttäuscht vom Staat, nach einem neuen Narrativ der Welt verlangen - auch, wenn dieses an der Wirklichkeit vorbei zielt. In einer Welt, in der soziales Ansehen fast nur mehr auf wirtschaftlichem Erfolg beruht, verteidigt der Idealist Loth/Maertens die Errungenschaften von Demokratie und Gemeinwesen. Leidenschaftlich und grandios von Palmetshofer auf den Punkt gebracht, beunruhigend brillant gespielt, wirkt das Zwiegespräch der entfremdeten Freunde wie eine Mitschrift aus dem Leben.

Das siebenköpfige Ensemble überzeugt an diesem Abend rundweg: Fabian Krüger legt als Arzt nachdenklich-denkwürdige Auftritte hin; Dörte Lyssewski verleiht ihrer Annemarie Krause, der Matriarchin, die Firma und Familie unter widrigsten Umständen zusammenhält, viele Facetten; Michael Abendroth stellt den daueralkoholisierten Familienvater souverän dar; die jüngere Tochter Helene - sie fristet in Palmetshofers Adaption ein urbanes Single-Dasein im Prekariat - wird von Marie-Luise Stockinger mit großer Überzeugungskraft gegeben; Stefanie Dvorak verkörpert schließlich die hochschwangere Martha. Was der Alkoholismus dem 19. Jahrhundert war, scheint die Depression dem 21. Jahrhundert zu sein. Den Zusammenbruch, den der Tod ihres Kindes hervorruft, stellt Dvorak mit erschreckender Aufrichtigkeit dar. Man spürt förmlich das unermessliche Leid, jenseits allen Geredes über Ideologie und Politik.

Eine Inszenierung als Rendezvous mit dem Furor der Wirklichkeit. Ein ganz großer Theaterabend.