St. Pölten. Das Landestheater Niederösterreich wurde 2005 von einem Dreispartenhaus in ein reines Sprechtheater umgewidmet. Nach Isabella Suppanz und Bettina Hering, aktuell Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, ist Marie Rötzer die dritte Intendantin in St. Pölten.

"Wiener Zeitung": Sie leiten seit der Spielzeit 2016/17 das Landestheater Niederösterreich. Welche Erfahrungen konnten Sie bisher mit der Stadt und Ihrem Ensemble sammeln?

Marie Rötzer: Mit dem Ensemble erproben wir laufend neue Formate, im Vorjahr etwa mit der Stückentwicklung "Goldener Apfel" oder der Zusammenarbeit mit dem Künstlerkollektiv Yzma. Da ich aus Niederösterreich komme, bin ich mit Land und Leuten vertraut, es ist familiär. Mir ging es vor allem darum, wahrzunehmen, was in der Stadt fehlt.

Und was fehlt?

Menschen mangelt es an Möglichkeiten, über komplexe Fragen der Zeit angemessen nachdenken zu können. Das betrifft nicht nur Niederösterreich, das ist ein allgemeines Phänomen. Im politischen Kontext werden wir häufig mit populistisch-simplen Rezepten beschossen. Wo bleibt eine fundierte Auseinandersetzungen mit relevanten Themen der Gegenwart? Dabei sind wir gefordert, neue Utopien zu entwerfen. Dafür ist Theater ein ideales Medium. Am Theater kann man über Geschichten und Figuren Denkräume eröffnen und Konstellationen durchspielen. Ich denke, dass uns das mit "Erleichterung", dem Stück des ungarischen Regisseurs Árpád Schilling gelungen ist.

Wo sehen Sie die Grenzen einer Landesbühne?

Da wir in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern tätig sind, können wir unsere Vorstellungen nicht so oft spielen, wie wir es gern würden. Zu meinen Vorhaben gehört demnach, die Anzahl der Aufführungen zu vergrößern, etwa mit Gastspielen und Koproduktionen. Im März wird es mit "Mothersong" eine Aufführung geben, die gemeinsam mit den Vereinigten Bühnen Bozen und Toneelhuis Antwerpen entsteht. Auch das Ensemble wird sich aus den drei Bühnen zusammensetzen, "Mothersong" soll multilingual werden. Der irakische Regisseur Mokhallad Rasem wird die Stückentwicklung über die Unruhen im Nahen Osten umsetzen.

In Ihrer Intendanz arbeiten regelmäßig Regisseure aus anderen Kulturräumen. Gehört interkulturelles Arbeiten für Sie zum Programm?

Das ist mir ein großes Anliegen. Wir haben Schauspieler mit Migrationshintergrund und Regisseure aus aller Welt, die eine andere Sicht auf unser Land und die Stoffe werfen. Wir wollen zeigen, dass in St. Pölten die Welt zu Hause ist, und wir haben ein Publikum, das dafür offen ist.

Sind wir reif für einen dunkelhäutigen Hamlet?

Vermutlich würde man das zunächst als befremdlich wahrnehmen. Aber das Wichtigste ist, dass der Schauspieler Präsenz zeigt und uns mit seinem Spiel überzeugt. Wenn das rüberkommt, denke ich, wird das Publikum mitgehen.

Sind interkulturelle Ensembles ein neuer Auftrag des Theaters?

Unser erster Auftrag ist die Kunst. Aber natürlich soll sich Theater mit der Realität auseinandersetzen. Unsere Gesellschaft ist divers, das sollte auch auf der Bühne abgebildet werden. Es ist ein ganzheitliches Thema, ein Prozess, der bereits in den Schauspielschulen beginnt. Wie wird dort ausgewählt? Wer wird ausgesiebt? Dafür muss ein Bewusstsein entwickelt werden. Bei unserem Bürgertheater, das von den Bewohnern der Stadt getragen wird, funktioniert das bereits mustergültig: Hier treffen sich Menschen aus allen Schichten und Nationen.

Was sagen Sie zur #Metoo-Debatte?

Ich finde wichtig, dass man zwischen sexueller Gewalt und verbaler Herabsetzung unterscheidet. Die Debatte müsste auch zu politischen Ergebnissen führen. Ein Punkt, der sich vergleichsweise leicht aus der Welt schaffen ließe, wäre die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen bei gleicher Leistung. Das ärgert mich maßlos.

Gibt es bei Ihnen gleichen Lohn?

Natürlich. Männer und Frauen mit ähnlich langer Berufserfahrung werden gleich bezahlt. Gerade am Theater müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen.