Es ist schon eine kesse Horrorgeschichte, wie es dereinst zum Tantalidenfluch gekommen ist: Mann setzt Göttern seinen eigenen Sohn als Snack vor. Nicht cool, Tantalos. Deswegen wird in jeder Generation seiner Nachfahren ein Familienmitglied ein anderes slashen. Krass vong ewiger Schuld her.

Ungefähr auf diesem flapsigen Niveau wollten Jacob Suske und Ann Cotten wohl einen der meistbearbeiteten antiken Mythen, Elektra, im Wiener Schauspielhaus auf die Bühne bringen - als "elektronische Kammeroper". Elektra (Sophia Löffler) hat hier eine florierende, wenn auch einsame Landwirtschaft. Ihre besten Freunde sind ihre Gurken (sie singt das phallische Couplet: "die Gurke schwillt"). Dort wird sie von ihrem Bruder Orest (Jesse Inman) angetroffen, der seine Verbannung in den USA verbracht hat und dort so eine Art schmieriger, aber harmloser Gebrauchtwagenverkäufer-Staubsaugervertreter-Personalabbauberater-Typ geworden ist. Dass der in seiner flatternden Anzugschlaghose reichlich ungeeignet für einen anständigen Rachemord ist, ist auf den ersten Blick klar. Wie praktisch, dass Elektra in ihrer kärglichen Kemenate, wie es sich für einen Psychokiller in der Waldhütte gehört, eine Kalaschnikow hängen hat. Damit erschießt sie nicht nur die verhasste Mutter Klytaimnestra, sondern gleich auch den laschen Orest - in der Badewanne, wo auch schon Klytaimnestra und Ägyst Agamemnon aus dem Weg geräumt haben. Klytaimnestra und Ägyst haben hier die Gender-Rollen getauscht: Die Frau wird von einem Mann (Sebastian Schindegger), der Mann von einer Frau (Vassilissa Reznikoff) gespielt - ein Regieeinfall, auch schon etwas angejahrt vong Originalität her.

Ihr Anfangsauftritt beim Toastfrühstück ist noch vielversprechend: Klytaimnestra im rosa Bademantel mit rosa Handtuchturban als überforderte Regentin, Ägyst als ihr smarter Berater - Anklänge an dekadente TV-Soaps wie "Denver Clan", die aber nicht weitergeführt werden. Lieber zerfasert sich das Stück als schräges Singspiel mit Elementen aus dem Synthesizer- und Hiphop-Fundus, mit Gameboygefiepse und ganz viel absichtlich-unmelodischem Gesang. Die Texte der Lieder möchten mit sehr gewolltem Poesiehumor punkten, was in den meisten Fällen geschwätzig schiefgeht ("Du hast keine Ahnung von deinen Ahnen").

Die Bühne besteht aus einer Holzeinbauwand mit Auslassungen verschiedener Größe, ein großes für die "Handlung", ein kleines im Juchhe, in dem Mirella Kassowitz als Chor und DJ den Lauf der verzerrten Tragödie kommentiert. Dazu gibt es Texteinblendungen in - natürlich - Frakturschrift. Nur einmal gelingt es dem Stück, optisch zu berühren: wenn alle vier Schauspieler mit Halogenlichtstäben ihre Familienaufstellung "beleuchten". Während der restlichen eineinhalb Stunden gelingt es nicht, zu vermitteln, worauf diese Elektra-Version eigentlich hinauswill: Für eine Jugendaffinität ist sie trotz - oder wegen - "Oida"-Einsprengsel zu altbacken. Und Kenner des Mythos haben schlicht zu viel Auswahl an schlüssigeren Aufarbeitungen.