• vom 06.01.2018, 13:24 Uhr

Bühne

Update: 06.01.2018, 13:30 Uhr

Theaterkritik

Heim ins Grab im Dorf




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Von Hans Haider

  • Ibrahim Amirs kurdische Politsatire "Heimwärts" im Volx: Ein sich selbst genügendes Randgruppentheater.

Ein Achtel des Texts verstehen in der Volkstheater-Außenstelle "Volx" in Margareten nur Türken. Ihre Community ist gespalten. Den Applaus holt sich Amir bei der säkularen linken kurdischen Fraktion. - © Alexi Pelekanos

Ein Achtel des Texts verstehen in der Volkstheater-Außenstelle "Volx" in Margareten nur Türken. Ihre Community ist gespalten. Den Applaus holt sich Amir bei der säkularen linken kurdischen Fraktion. © Alexi Pelekanos

Wohl schon jedem wurde diese makabre Wanderlegende als pure Wahrheit angedient: Urlauber im Süden, Opa stirbt, wird aus Kostengründen an den Rücksitz geschnallt heimwärts gefahren, doch von Zöllnern an der Grenze entdeckt. Der Kurde Ibrahim Amir lebt seit 2002 in Wien als Arzt. Bekannt wurde er mit keck auch gegen den Gutmenschenstrich gebürsteten Stücken über Zuwandererleid und –freud. In Interviews erzählt er von einem moribunden Onkel, der aus Deutschland in sein Dorf im nordsyrischen Gouvernement Aleppo gebracht werden wollte; den Grenzübertritt schaffte der Heimatsucher nur mehr als geschmuggelte Leiche. Diese Story kehrt wieder in der Politsatire "Heimwärts", einer Auftragsarbeit für Köln – wo der Anteil der pauschal als "Türken" registrierten Ausländer doppelt so hoch ist wie in Wien.

Ein Achtel des Texts verstehen in der Volkstheater-Außenstelle "Volx" in Margareten nur Türken. Ihre Community ist gespalten. Den Applaus holt sich Amir bei der säkularen linken kurdischen Fraktion. Ihr politischer Teufel sieht aus und spricht wie ein Verschnitt von Hitler und Erdogan – und auch wienerisch wie in Wahlkämpfen die FPÖ: "Schnitzel statt Kebab", "Daham statt Islam".

Information

Heimwärts
Von Ibrahim Amir
Pinar Karabulut (Regie)
Mit Kaspar Locher, Günter Franzmeier u. a.
Volx in Margareten
www.volkstheater.at
Wh.: 7., 15., 17. Jänner, 10., 23. Februar

Amir streift in seinem Bezüglichkeiten-Streufeuer zu viele humane Themen und noch mehr Feindbilder in synchroner Unübersichtlichkeit! Die junge Regisseurin Pinar Karabulut, Assistentin in Köln, ballert schon im Einstieg in den 100-Minuten-Abend mit einem Reminiszenzen-Potpourri los: Freddy Quinn mit "Heimweh", Ernst Jandl mit dem Lautgedicht "schtzngrmm", "Wir sind das Volk"-Gebrüll aus der kippenden DDR, Armenien-Genozid-Resolution im Deutschen Bundestag, "Edelweiss" aus "Sound of Music". Derweil sitzt der spätere Tote und am Ende Erdogan-Popanz im seidenen Morgenmantel so verdrossen auf dem antiken Eisverkäuferwagen wie Molières "Eingebildeter Kranker". Auf Kurdisch sagt er das Rezept für die Sachertorte auf. Nicht vergessen "Û Şûşak merba mişmişa"! Auf Wienerisch: "Schmeck’s Kropferter!".

Der Kölner Uraufführung gab eine schäbige Grenzer-Bretterbude topographischen Halt. Die rotsamtene Hügelkuppe der Aleksandra Pavlović im Volx markiert einen Ort Nirgendwo zum sich in Kuhlen Räkeln und Drübertrampeln. Unfassbar auch Amirs Ruckelkurs auf der Zeitachse. Gestern ist Heute, Heute ist Morgen, Tot ist Lebendig. Onkel Hussein (Günter Franzmeier) gibt auch als Toter den Jungen Ratschläge und kleidet sie in originelle Sehnsuchtsbilder. Am intensivsten fühlt Hussein seine Doppelheimat im Flug zwischen Wien und Aleppo. Doch kaut er auch in der deutschtürkischen Literatur bekannte Klagen über Heimatlosigkeit, doppelte Identität, Sprachverlust, Sehnsucht nach dem Dorfe wieder.

Ein brutaler türkischer Regierungsagent führt das Wort "Heimat" so oft wie sein Präsident im Munde. Sebastian Pass sieht mit sieben Goldketten um den Hals aus wie ein Bordell-Pascha. Ein uniformierter Kollege (Oktay Günes) tastet fleißig auf seiner Krawatte wie auf ein Handy und entlarvt sich als Putschist. Den Moribunden-Transport begleiten ein in Wien assimilierter, darum an der Grenze als Verräter gebrandmarkter  Arzt (Günther Wiederschwinger) und eine fuchtige Krankenschwester (Isabella Knöll) mit besonderen Identitätsproblemen: Sie hat ihr Geschlecht gewechselt, was bei den Halbmondmachos nicht gut ankommt.

Khaled, der brave Neffe, ist ein Menschen- und Onkelversteher und wohl auch Ibrahim Amirs Alter Ego. Kaspar Lochers blauäugiger Charme übertüncht viele Mängel in Textlogik, Handlungsablauf und darstellerischer Professionalität in diesem sich selbst genügenden Randgruppentheater.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-06 13:25:33
Letzte nderung am 2018-01-06 13:30:29



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