• vom 16.01.2018, 16:13 Uhr

Bühne

Update: 16.01.2018, 16:25 Uhr

Theaterkritik

"Geschäft geschafft"




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Von Petra Paterno

  • Wiener Theaterkollektiv Yzma bringt das Thema Steuern auf die Bühne: hoher Unterhaltungswert.

Haben oder Sein? (v.l.n.r:) Felician Hohnloser, Florian Haslinger, Johanna Wolff.

Haben oder Sein? (v.l.n.r:) Felician Hohnloser, Florian Haslinger, Johanna Wolff.© Andreas Friess Haben oder Sein? (v.l.n.r:) Felician Hohnloser, Florian Haslinger, Johanna Wolff.© Andreas Friess

"Wir wollten ein Stück über Steuern machen", sagt Florian Haslinger. "Das stellten wir uns lustig vor." Die Schauspieler Haslinger und Johanna Wolf, Regisseurin Milena Michalek und Produzent Karl Börner bilden das Kernteam des Theaterkollektivs Yzma. Steuern? Bei dem Thema kommt eher Unbehagen auf: Die einen zahlen immer zu viel, die anderen viel zu wenig. Ein Sujet also, das Unmut, Ärger, Irritation auszulösen vermag, für Yzma ist das geradezu idealer Bühnenstoff.

In ihrer jüngsten Theaterarbeit "Regime der Auster", das nun im Theater Drachengasse uraufgeführt wurde, umkreist das Kollektiv gewitzt das strittige Sujet. Um realpolitische Steuerdiskussionen, um Vor- und Nachteile von Spitzensteuersätzen geht es in der knapp 90-minütigen Aufführung freilich überhaupt nicht. Vielmehr legen die drei Akteure den Aberwitz eines überhitzten Kapitalismus offen.

Information

theater

Regime der Auster

Theater Drachengasse

Wh.: bis 10. Feb, Di - Sa

Alles Fragment

Im Prolog betreten die Schauspieler Florian Haslinger, Felician Hohnloser und Johanna Wolff die weiß getünchte Bühne mit bodenlangen weißen Gewändern und zotteligen Langhaarperücken. Sie tauschen Hafer und Germ, bezahlen dafür absurde Fantasiepreise. Kosten und Waren rauschen hier vollkommen sinn- und zweckfrei über die Bühne. Hauptsache: "Geschäft geschafft", wie es an einer Stelle im Stück heißt.

"Regime der Auster" hat keine nacherzählbare Handlung und keine klar umrissenen Figuren. In einigen Szenen lieben und triezen einander Alice Nietzsche, die schillernde Transgender-Figur Christiane und ein Freiherr, der mit Gehrock und Gehstock wie aus dem 19. Jahrhundert wirkt. Im Grunde geht es aber um szenische Assoziationen rund um Verteilungsgerechtigkeit. Erarbeitet wurde die postdramatische Spielvorlage im Kollektiv.

"Alles beginnt mit Recherche", so Johanna Wolff. Dabei werden Texte querfeldein gelesen, Filme gesichtet, das Material diskutiert. "Das Spektrum reicht von Nietzsche bis zu Disney", ergänzt Haslinger. Für "Regime der Auster" traf sich die Truppe auch mit Steuerberatern und Finanzexperten. Auf Basis der Studien wird - nächste Etappe auf dem Weg zum Stück - improvisiert. Die szenischen Gehversuche werden aufgenommen und transkribiert. "Jeder Versprecher, jedes Äh, jede Pause wird mitaufgezeichnet. Auch das Imperfekte fließt in die Textgenese ein", so Wolff. Aus diesen Textkonvoluten schälen Regisseurin Milena Michalek, Karl Börner und im Fall von "Regime der Auster" auch Dramaturg Patrick Rothkegel die Stückfassung heraus, entwickeln Handlungsbögen und Szenen.

Yzma, benannt nach einer Hexe im Disney-Film "Ein Königreich für ein Lama", formierte sich 2014 und gewann mit der Stückentwicklung "Morsch" gleich den Nachwuchs-Wettbewerb der Drachengasse. Seitdem hat das Quartett - die Mitglieder sind Twentysomethings - bereits sechs Aufführungen auf die Bühne gebracht, nicht nur in der Drachengasse, sondern auch im Kosmos und zuletzt "Utopia" im Landestheater Niederösterreich.

Sprachwitz und ein starker Wille zur Form gehören zu den Markenzeichen der Truppe. Yzma-Aufführungen sind energiegeladene Diskursangebote, in denen sich haarsträubende Ereignisse überschlagen, die durchaus Unterhaltungswert entwickeln. Die Spieler sind mit Leidenschaft bei der Sache. Inhaltlich geht sich manches nicht ganz aus. Politisches Theater bleibt heute eben absichtlich fragmentarisch und nah an biografischen Erfahrungen. Nicht umsonst heißt der erste von fünf Akten: "Das Leben ist nicht billig."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-16 16:17:05
Letzte Änderung am 2018-01-16 16:25:46


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