Edward Clug wollte es anders machen: kein Ballett, kein Sprechstück, sondern Theater - aber ohne Worte. Denn wo das Wort endet, eröffne sich eine neue Dimension, die Platz für - in diesem Fall - den Tanz schaffe, sagte er im Vorfeld. Für die Verwirklichung seines inszenatorischen Konzepts wählte der rumänische Choreograf ein nicht gerade naheliegendes Werk, nämlich Henrik Ibsens "Peer Gynt". Am Sonntag wurde das Ballett erstmals mit dem Wiener Staatsballett im Haus am Ring gezeigt - mit durchschlagendem Erfolg und einem begeisterten Premierenpublikum. Für ein modernes Tanzstück an der Staatsoper eher eine Seltenheit.

2015 für das slowenische Nationaltheater in Maribor kreiert, dessen Ballettdirektion Clug seit rund 15 Jahren innehat, ist sein "Peer Gynt" eine ziemlich genaue Übersetzung des Versdramas in eine ironische, oftmals absurde und auch skurrile Tanzsprache mit einprägsamen Bildern und zahlreichen Gags, die keinesfalls billig erscheinen. Clug verwendet nicht nur die beiden bekannten "Peer Gynt"-Suiten von Edvard Grieg, sondern erweitert diese um Griegs Streichquartett, das Klavierkonzert (Solistin: Shino Takizawa) sowie Auszüge aus den Lyrischen Stücken. Dazu gibt es in einigen Momenten Wassergeplätscher und Vogelgezwitscher. Der Dirigent des Hamburg Balletts, Simon Hewett, verbindet die unterschiedlichen musikalischen Einheiten mit dem Staatsopernorchester zu einer eingängigen und kurzweiligen Partitur, die vom Ballettpublikum letztlich stürmisch gefeiert wurde - auch das eine Seltenheit für ein Tanzstück an der Staatsoper.

Liebe als Erlösung

Clugs Ibsen-Handlungsballett erzählt die Geschichte des Bauernsohns Peer Gynt, der mit Lügengeschichten der Realität entfliehen möchte: Vom Hof seiner Mutter Aase bricht er auf und entführt Ingrid ihrem Bräutigam. Er verlobt sich mit der Tochter des Bergkönigs, spielt an der Küste Marokkos den großen Herren und lässt Anitra, die Tochter eines Araberhäuptlings, für sich tanzen. Nach jahrzehntelanger Fahrt nach Norwegen zurückgekehrt, ist er ein alter armer Mann, dem klar wird, dass seine Erlösung von Anfang an in der Liebe seiner Solveig lag.

Der Tod à la Tim Burton

Jakob Feyferlik ist Clugs Hauptakteur: Jung, draufgängerisch ist seine Darstellung des Peer Gynt, perfekt in Technik und Erscheinung, doch etwas zurückhaltend in der Rollengestaltung. Als Solveig tanzt Alice Firenze mit bewegungstechnischer Leichtigkeit und Hingabe. Andrey Kaydanovskiy als personifizierter Tod erinnert an Johnny Depp in Tim Burtons Vampirfilm "Dark Shadows" aus 2012: In schwarzem Mantel und mit weißem Gesicht scheint er mithilfe kleiner Trippelschritte über die Bühne zu gleiten, irrwitzig ist seine Mimik und Gestik, wenn er immer wieder seine Spielchen mit Peer Gynt treibt.

Rebecca Horner ist die Bergkönigstochter mit einer Maske am Hinterkopf, die sie zu einem troll-ähnlichen Wesen werden lässt, und Zsolt Török ist der weiße Hirsch, der als eine Art Alter-Ego des Peer Gynt agiert.

Dazwischen wimmelt es vor humorigen - wenn etwa Peer Gynt in einem Flugzeug-Automaten für Kinder gen marokkanische Wüste reist und sich zuvor dafür noch Geld von Solveig leihen muss - und auch verzaubernden Momenten, etwa im Pas de deux von Peer und Solveig. Clug schafft mit seinen Regieeinfällen und dem auf Klassik basierenden, aber sehr nonkonformistischen Bewegungsrepertoire ein modernes Tanzstück, wie es im 21. Jahrhundert Standard sein sollte - aber eine Seltenheit ist.