• vom 24.01.2018, 16:05 Uhr

Bühne

Update: 24.01.2018, 16:20 Uhr

Theaterkritik

Edle Stoffe, alte Haut




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Von Petra Paterno

  • Spaß mit Mode: gelungene österreichische Erstaufführung von Jelineks jüngstem Stück in Linz.

Wer ist die Schönste? Corinna Mühle, Angela Waidmann, Ines Schiller (von links). - © Christian Brachwitz

Wer ist die Schönste? Corinna Mühle, Angela Waidmann, Ines Schiller (von links). © Christian Brachwitz

"Soll ich Ihnen sagen, wie Sie aussehen könnten?" Mit dieser Drohung beginnt die österreichische Erstaufführung von Elfriede Jelineks "Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" in den Linzer Kammerspielen. In dieser Tonart geht es in den kommenden drei Stunden weiter: "Skinny Jeans? Na, Sie trauen sich was!"

In Elfriede Jelineks jüngstem Stück, uraufgeführt 2017 in Düsseldorf, geht es um Mode. Ein lohnendes Sujet und bekanntlich ein Lebensthema der Nobelpreisträgerin. "Von wenigen Dingen verstehe ich so viel wie von Kleidern", schrieb sie einmal in einem Essay. Jelinek streifte das Thema immer wieder, benutze es als Folie für andere Problemfelder. Nun also "Licht im Kasten", ein Stück, in dem es in aller Ausführlichkeit um Mode geht.

Information

Theater
Das Licht im Kasten.
(Straße? Stadt? Nicht mit mir!)
Kammerspiele
Linzer Landestheater
Wh.: 25. Jänner, 2., 14. Februar

Perfektion ist Illusion

Von falschen Verheißungen der Werbung ("Die Frau auf dem Foto, leider bin ich das nicht") über die Zurichtung des weiblichen Körpers ("ihre Form wird vernichtet durch Pommes, Nudeln, ach durch alles aus Mehl, Zucker, Fett") bis hin zu den katastrophalen Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Asien und Afrika, spießt die Literaturnobelpreisträgerin sämtliche Ambivalenzen der Mode auf. Sie entwirft ein Kaleidoskop an Eindrücken - von Haute Couture bis zur Massenware, vom Outlet-Store bis zum Online-Shopping, von Kant bis zum modernen Körperkult und der vergeblichen Jagd nach dem perfekten Ebenbild.

Die Inszenierung von Katka Schroth begegnet dem weitschweifenden Text mit lakonischem Witz und entfaltet dabei hohen Unterhaltungswert. Das Wort "Fun" steht auch in großen Lettern auf der hinteren Bühnenwand, ein schwarz-gelber Laufsteg dominiert das Bühnenbild von Hartmut Meyer.

Naturgemäß spielen die Kostüme (von Sung-A Kim und Ruby Heimpel) hier eine tragende Rolle. Das hellwache vierköpfige Ensemble - Corinna Mühle, Ines Schiller, Angela Waidmann und Alexander Hetterle - steckt in hautfarbenen Ganzkörperanzügen und zwängt sich fortwährend in neue Verschnürungen: Vom Hüfthalter aus den 50er Jahren samt Spitztüten-BH über derbe Lederschürzen und ausgeleierte T-Shirts mit feministischen Aufschriften bis hin zum Finale in schillernder Abendrobe haben die Kostümwechsel eher Entertainmentcharakter und vermeiden tunlichst jedes Schönheitsdiktat. Das gilt vor allem für die Kopfbedeckung: Von Gartenzwergkappen und Strickmützen bis hin zu XXL-Perücken stülpen sich die vier Akteure so einiges über, was wohl niemand freiwillig anziehen würde. Die Ausstattung bebildert nicht, sondern kommentiert das auf der Bühne Verhandelte.

Regisseurin Schroth inszeniert an diesem Abend zahllose Minidramen, kurzweilige Showdowns. Viele der hier angewandten Stilmittel sind im Umgang mit Jelineks Dramen längst bekannt: Sprachwitz wird etwa mit verstellten Stimmen noch etwas mehr ins Groteske gezerrt, phasenweise wird im Chor gesprochen und gesungen, ein Cello kommt zum Einsatz und absichtsvoll verhuschte Tanzchoreografien offenbaren Perfektion als schiere Illusion. Bemerkenswert ist auch die Metamorphose, die ein überdimensioniertes Stromkabel erfährt, das sich vom Shopping-Kanal zum Kleidungsstück einer japanischen Designerin transformiert.

Mit den launigen Textteilen kommt die Inszenierung wirklich gut zurande, der Wechsel in abgründigere Textebenen gelingt nur bedingt, hier bleibt der Abend etwas zu gleichförmig im Gute-Laune-Modus. Jelinek verhandelt in "Das Licht im Kasten", übrigens eine Fortschreibung von "Die Stadt. Die Straße. Der Überfall" (2012), nämlich auch existenzielle Themen wie Alter, Verfall und Tod. Nach dem Diktat der Selbstoptimierung stellt ein alternder Körper, der Idealmaßen Hohn spricht, eine andauernde Demütigung dar. Mode wird in "Licht im Kasten" in gewisser Weise gleichgesetzt mit dem menschlichen Dasein.

Das Stück ist nicht nur eine Liebeserklärung an edle Stoffe, nicht nur eine Komödie rund um Modefantasien, sondern verhandelt auch jene Tragödien, die sich tagtäglich heimlich beim Blick in den Spiegel abspielen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-24 16:08:06
Letzte Änderung am 2018-01-24 16:20:05


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