Packende Amour fou: Gritskova und Becza a. - © Staatsoper/Pöhn
Packende Amour fou: Gritskova und Becza a. - © Staatsoper/Pöhn

(irr) Es ist ein Glück, dass die Opernwelt bisher weitgehend verschont geblieben ist von jener moralischen Oberschicht, die über die Political Correctness wacht: Die "Carmen" würde sonst von den Spielplänen genommen. Immerhin stellt Georges Bizet in seinem Welthit von 1875 nicht nur das Rauchen als kokett dar, eine Frauenschlägerei als erotisch und Zigeuner als kartenlegende Schmuggler. Am Ende wird Carmen für ihre Selbstbestimmtheit nicht etwa belobigt, sondern vom verschmähten Liebhaber Don José erstochen. Ein Finale, das ein Intendant in Florenz jüngst tatsächlich ummodelte: Als Zeichen gegen Gewalt an Frauen rüstete er seine Bühnenheldin mit einer Pistole aus. Der Schuss ging aber nach hinten los oder besser gesagt: gar nicht. Die Waffe versagte nämlich im entscheidenden Premiere-Moment; Verwirrung war die Folge.

Solche Überraschungen gibt es an der Wiener Staatsoper nicht; die "Carmen"-Ohrwürmer werden hier seit 1978 in der gleichen Regie gereicht. Nun muss man zwar sagen, dass auch diese Bilder das Erlebnis Oper schmälern können, nämlich durch zu viel Distanz von der Realität: Diese "Carmen" sieht mittlerweile aus wie ein vergilbter, kitschiger Spanienkatalog. Mit den rechten Sängern kann hier aber doch Intensives entstehen.

Das ist derzeit der Fall: Von der Mähne bis zum Stöckel auf Vamp gepolt, stellt Margarita Gritskova eine veritable Lockung dar. Ein beachtliches Rollendebüt, anfangs zart getrübt durch ein verhangenes Timbre, später aber gekrönt durch Attacken von pfefferminzartiger Frische. Daneben Piotr Beczała als schneidiger José: Der Weltstar ist seines Tenors zwar erst dann ganz Herr, wenn er ihn unter Strom setzt, leistet dann aber Kolossales. Mit Schmelz und Spannkraft verleiht er dem Finale eine Unmittelbarkeit, die sich durch einen Regiegag kaum steigern ließe. Zuletzt Beifall, auch für die solide Leistung von Carlos Álvarez (Escamillo) und Olga Bezsmertna (Micaëla) und das schmissige Dirigat von Jean-Christophe Spinosi.