Johan August Strindberg galt als aufbrausender Mann. Er kritisierte, was der bürgerlichen Gesellschaft des Fin de Siècle heilig war, und verwarf sich mit den Reformern der Zeit. Dass Strindberg im Widerstreit mit allem und jedem lag, war wohl auch seinem exzentrischen Charakter, seiner fast schon pathologischen Persönlichkeit geschuldet: der Dramatiker als reaktionärer Radikaler, rechthaberischer Egomane und, vor allem, außerordentlich misogyner Zeitgenosse. 1912 starb Strindberg 63-jährig. Gegenwärtig wird der schwedische Autor, der gemeinsam mit Ibsen und Tschechow zu den Wegbereitern des modernen Theaters zählt, kaum gespielt.

Zu Unrecht? Lassen sich in dem umfassenden Oeuvre Trouvaillen entdecken? Schließlich: Vermag Strindbergs ambivalente Haltung gegenüber Frauen etwas über die heutige Kampfzone zwischen Männern und Frauen mitzuteilen?

Gefühlspanzer

All diese Fragen umkreist auch Simon Stone in seiner Strindberg-Bearbeitung "Hotel Strindberg"; die Koproduktion mit Basel wurde nun am Akademietheater uraufgeführt. Stone findet, dies vorweg, in fünf langen Stunden zu keinen überzeugenden Antworten.

Der schweizerisch-australische Regisseur ist bekannt für mit Verve ins digitale Zeitalter katapultiere Klassikeradaptionen, für Ibsen- und Tschechow-Figuren als heutige Zeitgenossen. Stones hochenergetische Gegenwartsbeschau glückte in Wien zuletzt mit "John Gabriel Borkman" und "Drei Schwestern" in Basel; beide Inszenierungen wurden zum Berliner Theatertreffen geladen. Der 33-Jährige gilt als herausragendes Regietalent, seine eingängigen Inszenierungen wurden als Antwort des Regietheaters auf den Fernsehserien-Trend gefeiert.

Die Bühne im Akademietheater ist in "Hotel Strindberg" nicht wiederzuerkennen. Ausstatterin Alice Babidge verwandelt den Raum in ein wunderlich drittklassiges Hotel: Im ersten und zweiten Akt füllen die Bühne raumfüllende drei Stockwerke, insgesamt sechs Zimmer, ein Stiegenhaus. Die identen Hotelräume werden simultan bespielt. Im dritten Akt verwandelt sich die Installation in einen dürftigen Frühstücksraum, leere Zimmerfluchten, tristes Foyer.

Wie bei "Ibsen House", das Stone 2016 mit der Gruppe Toneelgroep Amsterdam umsetzte, ist auch "Hotel Strindberg" als ausführlich angelegte Auseinandersetzung mit einem Autor intendiert: Das Stück setzt sich aus Motiven des Strindberg-Kosmos zusammen. Die autobiografischen Schriften "Plädoyer eines Irren" und "Der Sohn einer Magd" blitzen ebenso auf wie Versatzstücke aus Strindbergs desaströser Dreiecksbeziehung "Gläubiger"; ein amouröses Abhängigkeitsszenario ist aus "Mit dem Feuer spielen" entlehnt, die abgrundtief böse Mutter aus "Pelikan" treibt ebenfalls ihr Unwesen. Am deutlichsten tritt das Kammerspiel "Vater" zu Tage: Martin Wuttke und Caroline Peters machen sich in diesem Kampf um Macht und Gleichberechtigung in einer ermatteten Ehe nach allen Regeln der Kunst fertig. Die als schauspielerisches Glanzstück vorgeführten Szenen kulminieren in der Sorge um die Zukunft der Tochter.

Das neunköpfige Ensemble tritt in Mehrfachrollen auf: Roland Koch, Caroline Peters, Aenne Schwarz, Martin Wuttke vom Burgtheater treffen auf Franziska Hackl, Barbara Horvath, Max Rotbarth, Michael Wächter und Simon Zagermann vom Theater Basel.

Die einzelnen Szenen haben wenig miteinander zu tun, die Episoden zerfallen absichtsvoll; ständig tauchen neue Figuren und Begebenheiten auf, die narrativ schwer einzuordnen sind. Das dramaturgische Durcheinander ist Programm, verhilft der Aufführung aber nicht zu mehr Substanz. Das Treiben der Akteure ist zwar munter anzusehen, aber die sprachlich und formal schlicht geratene Aufführung reißt nur etliche Konfliktzonen zwischen Mann und Frau auf, dringt aber nirgendwo in die Tiefe.

Martin Wuttke gehört immerhin ein großer Theatermoment am Ende des Spiels. In einem furiosen Monolog klingt etwas von den Wahnvorstellungen und dem Realitätsverlust an, unter denen Strindberg gelitten haben soll. Wuttkes kunstvoller Zusammenbruch als Strindbergs alter Ego ist ein darstellerischer Höhepunkt. Leider ändert dieser nichts daran, dass der künstlerische Mehrwert der Unternehmung fraglich bleibt.