• vom 28.01.2018, 16:37 Uhr

Bühne

Update: 28.01.2018, 18:46 Uhr

Opernkritik

Arsch auf Grundeis




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Von Reinhard Kriechbaum

  • Salzburger Mozartwoche beginnt mit einer überfrachteten "Entführung aus dem Serail".

- © Mozartwoche

© Mozartwoche

In einer Zeit, da der Clash zwischen Abend- und Morgenland so nahe ist wie das Fremde, das uns in die Nachbarschaft gespült wird, in einer solchen Zeit steigt Regisseurin Andrea Moses aus. Sie macht in Mozarts "Entführung aus dem Serail" auf L’art pour l’art. Sehr zum Missfallen des Premierenpublikums im Haus für Mozart. Ein solcher Buh-Orkan war bei der Mozartwoche wohl lange nicht mehr zu vernehmen.

Ein Film-Setting: Bassa Selim (Peter Lohmeyer) nimmt auf dem Regiestuhl Platz. Dieser Mann trägt die Züge von Gunter Sachs. Dem mehrheitlich älteren Mozartwochenpublikum ist der Playboy aus St. Tropez noch geläufig. Jüngere Semester könnten Verständnisschwierigkeiten bekommen. Dieser Bassa Selim/Gunter Sachs ist jetzt umtriebig als Filmemacher. Offenbar steht gerade ein Werbefilm für eine türkische Fluglinie an. Schaut so aus (und hört sich so an), als ob "Die Entführung aus dem Serail" den Plot abgäbe. Mit dem Verführen der Filmsternchen läuft’s nicht so recht für den Regisseur und seinen Handlanger Osmin. Die beiden Damen jedenfalls sind so fixiert auf ihre Lebensabschnittspartner, dass zuletzt sogar eine Drehbuchänderung nötig ist: "Der Film fällt aus. Der neue heißt: Vergib uns, Herr! Und darf ich bitten: Spielt dass wenigstens begabt, kurz und knapp, das Herzschmerzgemurkse."

Information

Oper

Die Entführung aus dem Serail

Haus für Mozart, 30. Jän, 2. Feb.

Kurz und knapp! Dreieinhalb Stunden dauert diese "Entführung", weil Andrea Moses immer neue Ideen entwickelt. Eine jede klug gedacht, aber in Summe eine Überfrachtung, da auch das Original-Libretto erhalten bleibt, die Angelegenheit also wortlastig ist. Darüber kann auch nicht der dauerbeschäftigte Mann am Hammerklavier (Kompliment, Andreas Küppers) nicht hinwegtragen, der viele gesprochene Dialoge mit Mozart-Themen zu Melodramen umformatiert. Letztlich verliert man jegliches Interesse an den Figuren. "Da geht dir der Arsch auf Grundeis", sagt der Bassa zu Belmonte - und dem Zuschauer geht’s, sagen wir’s unverblümt, am Arsch vorbei.

Pyjamaparty

Im Orchestergraben walten die Akademie für Alte Musik Berlin und René Jacobs. Der sanfte Seidenglanz der Streicher in diesem Orchester ist legendär, er ermöglicht ein charakteristisches Hervortreten der Holzblasinstrumente. Die ausgiebig eingesetzten "Türkeninstrumente" rasseln, scheppern und tuschen aufdringlich laut. Aber: Man kann zu René Jacobs nicht gefühlsintensiver, aber handwerklich untadeliger Begleitung unforciert singen. Davon profitiert vor allem Sebastian Kohlhepp als Belmonte, ein ganz vorzüglicher, für dieses Fach prädestinierte Tenor. Julian Prégardien, der Pedrillo, ist als ausgezeichneter Liedsänger einer, der jede Textnuance pointiert rausbringt und in diesem Sinn ein starker Gegenspieler für den mit nicht minder präziser Eloquenz sich einbringenden David Steffen als Osmin. So schlank kann Tiefe sein! Robin Johannsen als Konstanze ist ein Leichtgewicht im Volumen, anfangs fast ein wenig piepsig. Nikola Hillebrand wirkt als Blonde jedenfalls stimmlich deutlich souveräner.

Allerlei Filmvolk umgibt die Protagonisten, die Damen des Salzburger Bachchors sind einmal als türkische Flugbegleiterinnen verkleidet, im Finale wirkt der Chor, wie frisch aus den Hotelbetten geholt. Pyjamaparty statt Humanismus und Aufklärung, das hat schon auch hintergründigen Witz. Machte man sich radikal ans Ausmisten, wäre diese "Entführung" möglicherweise zu retten.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-28 16:41:09
Letzte Änderung am 2018-01-28 18:46:20


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