Auch wenn es von außen nach klaren Machtverhältnissen aussah: Die Verhandlungen zwischen Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper, und der zwölfjährigen Alma Deutscher dürften nicht einfach gewesen sein. Das Mädchen aus England hat immerhin etwas geschaffen, was Meyer unbedingt wollte, nämlich eine Oper namens "Cinderella". Sein Haus, so Meyers Vorschlag, würde das Stück auf der Studiobühne zeigen - wenn sich Deutscher bereit erklärte, ihr bisher abendfüllendes Werk auf eine Länge von einer Stunde zu kürzen. Mehr als 60 Minuten seien einem jungen Opernpublikum nämlich nicht zuzumuten. Das sah Deutscher angeblich anders, machte sich aber doch an den schmerzvollen Kürzungsprozess. Das Ergebnis ist nun seit Sonntagmittag auf der Studiobühne Walfischgasse zu begutachten - wobei ins Auge fällt, dass sich der Direktor nicht ganz durchgesetzt hat: "Cinderella" dauert jetzt 75 Minuten.

Diese Opernminuten klingen aber ganz fantastisch. Bereits im Jahr 2016 ist Deutschers "Cinderella" in Wien zu Gast gewesen, damals in voller Länge im Casino Baumgarten: Die Kritiker streuten dem Wunderkind damals Rosen, äußerten aber auch leichte Vorbehalte gegenüber Längen.

Mozart-Tonfall

Diese sind der Neufassung fremd. In geballter Form veranstaltet Deutscher ein Feuerwerk ihrer besten Ohrwürmer, und die Zwölfjährige ist eine Melodikerin von hohen Gnaden. Ihre Kantilenen sind sangbar und schlicht im Tonfall von Mozarts "Zauberflöte", transportieren je nach Bedarf bodenlose Trauer oder überströmende Sehnsucht. Dass Deutscher nur selten aus der Tonart einer Arie ausbricht und in ihren modernsten Momenten nach Tschaikowski klingt, tut der Bühnentauglichkeit keinen Abbruch. Begleitet von einem versierten Orcherstersatz, glänzt diese "Cinderella" nicht zuletzt durch eine wirkungsvolle Abfolge von Arien, Duetten, Ensembles und Sprechszenen.

Auch die Handlung entfaltet ihren Reiz, denn sie ist in die Welt einer Kinderkomponistin versetzt: Diese Cinderella muss nicht für ihre böse Verwandtschaft Asche fegen, sondern nachts Orchesterstimmen kopieren, denn die Stiefmutter befehligt ein Opernhaus. Auch jenes Souvenir, das Aschenputtel dem Prinzen auf dem Ball zurücklässt, stammt aus der Welt der Musik: Es ist eine Melodie, die der Prinz sofort wieder zur Hälfte vergisst. So sucht er im ganzen Land nach der alleinigen Kennerin dieses Lieds. Die Staatsoper, darf man resümieren, hat gut daran getan, sich diese "Cinderella" zu sichern. Denn sie ist nicht einfach eine Attraktion für die dubiose Wunderkinder-Manege, sondern per se eine gute Oper.

Ob sich damit ein junges Publikum begeistern lässt, steht aber auf einem anderen Blatt, denn die Premiere hat ein Problem: Das Orchester (an der Rückwand des Kellersaals) klingt unter Dirigent Witolf Werner oft zu laut, als dass man die Sänger von der Bühne stets verstünde (jedenfalls wenn man weiter hinten sitzt) - und ohne eine akustische Anbindung an die Handlung fühlt sich gerade ein junges Publikum rasch gelangweilt. So ist mancher Erwachsene dann leider auch damit befasst, den Souffleur und Animateur für seine Begleitkinder zu geben.

Was auch diese erfreut, sind freilich die kleinen Slapstickgags von Regisseurin Birgit Kajtna und die buntscheckigen Kostüme von Janina Müller-Höreth. Schöne Stimmen kommen (soweit hörbar) von Pavel Kolgatin, einem Prinz mit Tamino-Timbre, und Bryony Dwyer als Cinderella, rollenbedingt schrill wiederum tönt die Stiefverwandtschaft unter Führung von Simina Ivan. Zuletzt viel Beifall, vor allem für Deutscher selbst.