"Super, Leute": (v. l.) Julian Loidl, Lisa Schrammel, Georg Schubert und Raphael Nicholas, vorne rechts mit Brille: Theatermacher Gernot Plass. Lila Ludwig
"Super, Leute": (v. l.) Julian Loidl, Lisa Schrammel, Georg Schubert und Raphael Nicholas, vorne rechts mit Brille: Theatermacher Gernot Plass. Lila Ludwig

Auf der Bühne des Theaters an der Gumpendorfer Straße (TAG) steht ein weitläufiger Tisch, darauf sind zwei Stühle platziert, die ein paar Meter voneinander entfernt stehen. Julian Loidl sitzt auf dem einen Stuhl, Elisa Seydel auf dem anderen, sie starren auf entgegengesetzte Bühnenwände, zeigen einander den Rücken.

Die beiden Schauspieler stellen Macbeth und Lady Macbeth dar. In der nun folgenden Stunde werden sie zahllose Varianten eines relativ kurzen Dialogs durchspielen: Wer erhebt sich vom Stuhl? Wer bleibt sitzen? Wer geht auf wen zu? Wieder und wieder wird dieselbe Szene mit nuancierten Variationen gespielt, um herauszufinden, welcher Gang stimmig ist, welche Geste sich in Verbindung mit einer ganz bestimmten Textzeile richtig anfühlt. Theaterarbeit braucht Geduld, ist Feinarbeit für Körper und Geist.

Ping-Pong-Dialoge


Regisseur Gernot Plass wird währenddessen kaum still stehen. Unentwegt springt er auf, klettert auf den Tisch, greift in den Ablauf ein, korrigiert, wirft eine Idee ein, bestärkt und ermuntert, ein leichthin gebrummtes "Super, Leute", hören die beiden Akteure im Lauf der Probenarbeit recht häufig. Die Arbeitsatmosphäre ist freundschaftlich, aber konzentriert. Es wird weder getrödelt noch gehudelt, die Zeit wird gut genützt. Premiere ist am Samstag, 3. Februar. An diesem Nachmittag wird, so Plass, an der "Struktur" gearbeitet, am "Zuckerguss" werde man später noch feilen.

"Anfangs wollte ich den ganzen ,Macbeth‘ aus der Perspektive der Hexen aufrollen", sagt Plass in einem Interview nach Probenende. "Das hat sich im Lauf des Überschreibungsprozesses verändert. Macbeth ist faszinierend, weniger als machtgieriger Mörder, das sind andere auch, siehe: Richard III.; Macbeth ist vielmehr ein visionärer Mensch, getriebenen von Dämonen. Im Krieg funktioniert das wunderbar, er fräst sich siegreich durch die Schlachten, aber mit dem Frieden kommt er nicht zurecht, da wenden sich die Dämonen plötzlich gegen ihn."

Von "Richard 2" über "Hamlet Sein" bis hin zu "Faust-Theater" hat sich Gernot Plass mit Klassikerüberschreibungen einen Namen gemacht. Der Clou an seinen Fassungen: Die alten Stücke wirken fast wie ein neues Drehbuch, obwohl sich Plass genau an die vorgegebenen Akte und Abläufe hält. Es gibt keine drögen Monologe, vielmehr Ping-Pong-Dialoge mitunter gar hingerotzte Kommentare. Die Sprache hört sich zeitgemäß an, obwohl sie im Vers gehalten ist: "Ich schreibe im Blankvers, genau wie Shakespeare", sagt Plass. "Ich zwinge mir das Versmaß auf, das erleichtert die Arbeit nicht, aber verbessert das Ergebnis, bringt mich auf andere Ideen."

Etwa zwei Monate tüftelt der 51-Jährige an einer Überarbeitung. Bei Shakespeare greift er gleichermaßen auf die ältesten Übersetzungen von Wieland wie auf die aktuellen von Frank Günther zurück. Der Wiener Theatermacher ist zudem eines von sieben TAG-Gründungsmitgliedern. 2005 übernahm eine Kooperative die ehemalige Gruppe 80. Nach prekären Anfangsjahren reduzierte sich das Team und entwickelte mit Klassikerbearbeitungen ein unverkennbares Profil, das bei Kritik und Publikum gleichermaßen ankommt. Die Auslastung hat sich in den vergangenen Jahren auf mehr als 80 Prozent eingependelt. Seit 2014 ist Plass auch künstlerischer Leiter der Mittelbühne, Ferdinand Urbach ist kaufmännischer Geschäftsführer. Das Duo wird noch bis 2021 die Geschicke des Hauses in Wien-Mariahilf leiten.

Die erste Überschreibung, "Richard 2", verfasste Plass für ein Jugendtheater. "Ich wollte die spannenden Geschichten präsentieren, die interessanten Figuren vorstellen, und zugleich das Hehre überwinden, mit dem man Klassiker häufig verbindet." Der Ansatz passte und verfing. Eine neuerliche Überprüfung ist demnächst im TAG möglich.