Regina, ja Regina hat wirklich zu viel getrunken. Das ist ein Running Gag zu Beginn von Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs neuem Stück "Suff". Regina ist nämlich jetzt tot. Zu ihrem Begräbnis schaffen es ihre vier Freundinnen leider nicht. Zu besoffen.

Der kunstvoll drapierte, beachtliche Altglas-Flaschenberg links auf der Bühne lässt es schon erahnen. Hedi (Sona MacDonald) hat einen Brand, der so markant ist, dass ihr einfällt, was man im äußersten Fall gegen Austrocknung machen soll: Augapfel ausreißen und auslutschen. Freundin Irma (Elfriede Schüsseleder) ist zu deprimiert von ihrem eigenen Kater, um Hedi Wasser zu holen. Ex-Balletteuse Constance (Therese Lohner) sorgt wiederum für einen Auftritt, den die soliden Kammerspiele wahrscheinlich noch nicht erlebt haben. Fast elegant kündigt ihre eigene Kotze sie an, bevor sie den Bröckerln ins Zimmer nachfällt. Marion (Marianne Nentwich) schließlich verkörpert taschenschwingend jene Form der Betrunkenheit, die erst gehörigen Witz verheißt und dann in lautes Poltern über die Langeweile der Welt kippt. Bei Nentwich sind beide Phasen außerordentlich unterhaltsam.

Es könnte ja so gemütlich weitergetrankelt werden, wenn da nicht die Familie wäre. Im konkreten Fall jene von Hedi. Ihr Sohn Jacob (Martin Niedermair) verlangt für eine Wiedervereinigung mit ihm und den Enkelkindern nicht nur, dass sie dem Alkohol abschwört, sondern auch, dass sie ihre Freundinnen nicht mehr sieht. Als Ultimatum setzt er ihr ein Essen am Heiligen Abend, wenn sie das vergeigt, ist alles aus. Für Hedi, deren wichtigstes Accessoire bis dahin ihre schicke Kette mit Flaschenöffner war, eine fast nicht machbare Herausforderung. Angefangen schon beim Karpfenrezept. Ganz abgesehen von der grausamen Abstinenz. Gut, dass die eigentlich verbotenen Freundinnen wieder auftauchen und ihr helfen wollen. Das von Irma zur Verfügung gestellte Krewecherl-Christbäumchen entsorgt Marion zwar in einer akuten Welthass-Rage via Balkon, es wird aber letztlich ohnehin nicht gebraucht. Denn Jacob kommt zwar und muss zugeben, dass sein perfektes Familienleben auch nicht so auf Schiene läuft. Aber, wenn einer weiß, was dagegen hilft, dann Marion, Irma und Constance: Wodka natürlich.

Zaubertrank

Dass Hedi in der Zwischenzeit abkömmlich geworden ist, merkt keiner, und schließlich, als der Karpfen wie durch ein Wunder fertig ist, ist Hedi das, was sie mit Alkohol eigentlich nie war: allein. Kein Wunder also, dass sie zu Silvester, zum frohen Neubeginn, wieder erleichtert zum Glas greift - immerhin ist Champagner, wie Irma versichert, ein Elixier der Jugend. Und gerade Hedi, die langsam merkt, was der Alkohol mit ihrem Gehirn macht, braucht so einen Zaubertrank dringend.

Beeindruckend und schlüssig ist das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt: Es stellt das Altbauzimmer auf den Kopf, die spielfreudigen Akteure stehen auf der stuckverzierten Decke. Sona MacDonald gibt sich alle Mühe, Hedis Niedergang überzeugend zu illustrieren, allein die hastige Dynamik des Stücks macht es ihr nicht leicht. Im Eilverfahren werden in der Inszenierung von Alexandra Liedtke die Vorzüge und Gefahren von Wodka und Co. abgearbeitet, mit durchaus treffsicheren Pointen hier und da und so manchem "Dinner-For-One"-Torkel-Slapstick. Von Vinterberg ("Das Fest") erwartet man sich aber schmerzhaftere Botschaften als eine politisch unkorrekte, aber harmlose, weil wohl auch realistische Conclusio: Weitersaufen hilft.