Wien. "Eine Atmosphäre der Angst und der Verunsicherung" habe am Burgtheater unter der Intendanz von Matthias Hartmann geherrscht. 60 Mitarbeiter des Burgtheaters - Schauspieler wie Nicholas Ofczarek, Markus Meyer, Regina Fritsch und Sabine Haupt, aber auch Mitarbeiter quer durch die Abteilungen - haben am Wochenende einen "offenen Brief" unterzeichnet und im "Standard" veröffentlicht. In dem Schreiben wurden dem ehemaligen Intendanten sexistische, rassistische und homophobe Aussagen sowie gezielte Demütigungen einzelner Kollegen vorgeworfen. Mitarbeiter der Technik wurden etwa als "Trottel" oder "Schwachmaten" bezeichnet. Wer sich aufregte, wurde als "verklemmt, prüde und humorlos" hingestellt.

Hartmann war von 2009 bis 2014 in Doppelfunktion als Intendant und meistbeschäftigter Regisseur im Haus am Ring tätig, er inszenierte 13 Mal. Dieses besondere Abhängigkeitsverhältnis habe der heute 54-Jährige weidlich ausgenutzt. So habe er Kündigungen angedroht und später gnadenhalber wieder zurückgenommen.

Sperma und "Tanzneger"

Als Hartmann mit den Anschuldigungen konfrontiert wurde, stritt er diese zunächst gar nicht ab, verwies aber auf den jeweiligen Kontext: Die inkriminierten Äußerungen - ein dunkelhäutiger Choreograf wurde als "Tanzneger" bezeichnet, während einer Probe wurde etwa nachgefragt, ob die Schauspielerinnen beim Oralsex das Sperma schlucken würden oder nicht - seien allenfalls als Witz gemeint gewesen. Der Brief zeichne daher, so Hartmann, ein "völlig falsches Bild".

Nachdem sich der Ex-Intendant anfänglich verteidigte und entschuldigte, ging er in späteren Interviews zum Gegenangriff über. Er sprach von einer "juristisch gesteuerten Aktion", die seine Entlassung rechtfertige, um ihm in seinem angestrebten Prozess gegen das Burgtheater zu schaden.

2013 war das Burgtheater in einen Finanzskandal von bislang unerreichtem Ausmaß verstrickt, 2014 sprach das Ensemble Hartmann das Misstrauen aus, der Intendant wurde vom damaligen Kulturminister Josef Ostermayer blitzartig entlassen, seine Nachfolgerin Karin Bergmann übernahm einen gewaltigen Schuldenberg. In der Folge wurde auch strafrechtlich gegen den Ex-Intendanten ermittelt. Laut Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) läuft das Verfahren noch in einem Punkt. Am 1. Dezember 2017 wurden zwar die Ermittlungen gegen die Hartmann zur Last gelegten Vorsatzdelikte eingestellt. Weiterhin anhängig ist aber der Vorwurf der grob fahrlässigen Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen. Erst wenn die Ermittlungen zur Gänze abgeschlossen sind, kann das Arbeitsgericht das derzeit still gelegte Zivilverfahren zwischen Burgtheater und Hartmann wieder aufnehmen.

Die Verfasser des Briefes versicherten, dass sie weder über die neuen Entwicklungen informiert waren, noch dass ihr Anliegen etwas damit zu tun habe.

Kritik kam indes auch aus den eigenen Reihen. Nicht alle Burg-Schauspieler sind damit einverstanden, dass vier Jahre nach dem Aus für Hartmann mit pikanten Interna an die Öffentlichkeit gegangen werde.

Abschließend hielten die Briefschreiber fest, dass die Metoo-Debatte sie zwar ermutigt habe, das Thema publik zu machen, es aber im Unterschied zu den strafrechtlichen Vorwürfen gegen Weinstein oder Wedel hier um ein "Klima" gehe, "nicht um schwere Straftaten".