• vom 12.02.2018, 13:00 Uhr

Bühne

Update: 12.02.2018, 13:03 Uhr

Theaterkritik

Helfer real im TV-Spiegel




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Von Hans Haider

  • Mehrbödige Wirklichkeiten bei Yael Ronens "Gutmenschen" im Volkstheater.

Im Minenfeld der Asylpolitik: (v.l.) S ebastian Klein, Katharina Klar, Knut Berger, Birgit Stöger.

Im Minenfeld der Asylpolitik: (v.l.) S ebastian Klein, Katharina Klar, Knut Berger, Birgit Stöger.© Lupispuma Im Minenfeld der Asylpolitik: (v.l.) S ebastian Klein, Katharina Klar, Knut Berger, Birgit Stöger.© Lupispuma

Alles schief, windschief auf dieser Bühne! Zimmergrundrisse, aufgemalt und ausgeschnitten, hängt Wolfgang Menardi in die Bühnenhalle. Als Overhead-Paneele dienen sie dem Skype-Traffic, als schräge Böden dem Drüberturnen. Tischen und Stühlen droht das Abrutschen. Schräg auch der diskurselastische Mix aus Ironie, Sarkasmus, Parodie, Witzchen und O-Ton-Klagen über reale Not.

Er baut sich auf zu einer mehrbödigen, darum nicht mehr exakt vermessbaren Wirklichkeit - in einer Realityshow-Kulisse voll Red-Bull-Werbematerial. Rot, die Engelsflügeln, lebensgroß der rote Stier. Doch Didi Mateschitz wird der österreichisch-israelischen Regisseurin Yael Ronen und ihrem als Koautor genannten Ensemble das Product-Placement nicht danken. Für ihn, sein Servus-TV gilt, was die konsumkritische Klara (Katharina Klar) in ihrem großen Lied als Refrain ins Mikro brüllt: "Du bist so weit, weit rechts von mir!" Dennoch hofft sie, die Show bei Servus werde den Flüchtling Yousef retten.

Information

Theater

Gutmenschen

Volkstheater, Wh.: 15., 23. Feb.

Bildet Banden

Aber die "Gutmenschen"-Hilfsgemeinschaft ist gefangen in schiefem Beziehungskram. Mehr als der Flüchtling ist er Ronens Thema. Maryam, arabisch für Maria (Birgit Stöger), eine 150-Prozent-Feministin und darum Karikatur, lebt mit dem Homosexuellen Schnute (Knut Berger). Dessen Lover Moritz (Paul Spittler) wiegt schon überdienstbereit die Hüften. Nur dank künstlicher Befruchtung - "zu Hause mit einer Plastikspritze" - wurde Schnute Vater von Maryams Tochter Delete. Kein Wunschkindname! Sie ist drei und wird noch gestillt. Wenn Oma (Jutta Schwarz, die beste Sprecherin im Team) Delete ausführt, spendiert sie ihm Schnitzel mit Salat. Diese einzig runde Bühnenfigur schnattert alles hervor, was sich kleinbürgerliche Angst gegen Immigranten zusammenreimt. Außerdem hasst sie das Rauchverbot.

Klara und Elias (Sebastian Klein), er ist Maryams Bruder, wollen heiraten. Rührend wertkonservativ das Manifest der beiden, die sich als queer bekennen: "Gegen die Schnelllebigkeit, die Austauschbarkeit, die Wegwerfgesellschaft setzen wir ein Bleiben. Eine Verbindlichkeit. Eine Bande." Rührend, doch überbelastet mit Bedeutung, ihr Gleichnis vom Hasen und vom Löwen. Der Hoppler meint, er könnte "von innen" den Löwen, gemeint sind "die Rechten", zur Sanftmut bekehren und zum Vegetarier machen - indem er ihm ins Maul hüpft und sich opfert.

Yael Ronen wandert mit ihren "Gutmenschen" illusionslos über das minenreiche Problemfeld "Flüchtlinge". Über den untauglichen Kleber für Behördenkuverts ("Dann ist der Bescheid vielleicht ungültig") darf gekichert werden. Die heiratswillige Klara entpuppt sich als Hausbesitzer-Tochter in der Innenstadt und schätzt die Gunst des Wiener "Lagezuschlags". Zwischen subtilem Witz blüht auch Verbalradikalismus: Die "Fascho-Regierung" könnte die Homo-Ehe wieder kippen, befürchtet der schwule Moritz.

Yousef kennt man schon aus Yael Ronens "Lost and Found" vor zwei Jahren im Volkstheater. Das Nestroy-Preisfest für dieses "beste Stück der Saison" nutzte Birgit Stöger zum flammenden Aufruf zur Hilfe für den Iraker. Das neue Stück erzählt seine wahre Lebensgeschichte weiter. Yousef wurde die Anerkennung als Flüchtling verweigert. Kein Asylstatus - keine Arbeitserlaubnis. Im katholischen Wiener "Haus der Barmherzigkeit" liest er, eine Zuspielung, Greisen eine Thomas-Bernhard-Suada wider die Österreicher als "geborene opportunistische Duckmäuser" vor. Stärker als diese Second-Hand-Erregung ein rasches Videotableau von Jan Zischka über die lebensfrohen Widersprüche in der "Gutmenschen"-Hilfsgemeinschaft. Zuletzt irrt der 3D-Animator aus Mossul mit schwarzem Wuschelkopf 30 Sekunden lang über die Bühne: stumm, verletzt, zum Nichtstun verdammt. Zögerlicher bis lauter Applaus bei der Premiere.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-12 12:20:22
Letzte Änderung am 2018-02-12 13:03:52


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