Das Thema Schrumpfen ist groß im Kommen: Nicht nur sind dazu zwei neue Kino-Filme entstanden, auch die Wiener Kammeroper weiß um den Reiz. Dort bescheidet man sich seit längerem nicht mehr mit Werken, die für kleine Bühne erdacht wurden; man experimentiert mit Mini-Fassungen von Repertoirestücken. Dabei wird nicht nur einiges an Orchesterballast, sondern auch so manche Opernminute gestrichen. Kein Angebot für Puristen, aber für Neulinge und Neugierige; und dank der ungewohnten Arrangements mitunter auch für Grenzgänger.

Wobei: Es passt nicht alles in diesen Kellersaal am Wiener Fleischmark. Hier haben nicht nur Besucher jenseits der 1,90 Meter und ihr Hinterland ein Problem (bitte Logenplatz kaufen!), es gilt auch für gewisse Opern. Werke, die ihren Reiz aus einem reichen Orchester ziehen, aus wabernden, wallenden Klangfarben, wie "Pelléas et Mélisande" von Claude Debussy. Genau das aber läuft hier seit Montag in einer Stutz-Fassung. Warum, das ist so rätselhaft wie die Traumspielhandlung von Maurice Maeterlinck.

Dabei hat die Belgierin Annelies Van Parys vergleichsweise gut arrangiert: Je fünf Streicher und Bläser, ein Harmonium als Bindemittel und etwas Glöckchengeklingel setzen den Duft des Impressionismus streckenweise frei. In tiefer Lage aber erinnert der Sound des Wiener Kammerorchesters an die Knorrigkeit eines toten Baums. Zudem es ist dem Zauber abträglich, dass Dirigent Thomas Guggeis während der pausenlosen 120 Minuten nachstimmen lassen muss.

Todesstoß für die Magie

Den Todesstoß versetzt der Magie die Regie. Sie zerrt Debussys Königreich Allemonde aus dem kostbaren Halbdunkel ins Licht der heutigen Korrektheit, und da geht es natürlich gar nicht, dass Mélisande eine Rätsel-Elfe ist und ein Opfer von Männermacht: Die Frau zwischen den Prinzenbrüdern Pelléas und Golaud braucht Power. Nach der Geburt ihres Kindes verhaucht sie nun also nicht werkgetreu ihren Geist; sie haut ab, lässt die Königsfamilie sitzen und erzählt das Erlebte im Rückblick - wobei dieses neue Ende so mies zum "Pelléas" passt wie eine Heißklebepistole zu einem Ritter. Immerhin: Regisseur Thomas Jonigk verzichtet darauf, Mélisande einen MeToo-Button anzustecken, und die Ausstattung (Lisa Däßler) schmückt den kargen Raum hier und da mit einem Poesie-Klecks.

Die Sänger retten einiges: Anna Gillingham verleiht der Mélisande eine sanft-runde, im Anlassfall explosive Stimme, Matteo Loi (Golaud) führt einen bärenstarken Bariton elegant und Julian Henao Gonzalez (Pelléas) besitzt ein edles Timbre im Mezzoforte. Fein auch, dass der "Pelléas" nicht mehr nur an der Staatsoper ertönt. Auch wenn Wien nun kurioserweise eineinhalb Produktionen davon hat.