• vom 19.02.2018, 12:45 Uhr

Bühne

Update: 19.02.2018, 12:53 Uhr

Operettenkritik

Ein Königreich für einen Pariser




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Von Christoph Irrgeher

  • Die Volksoper zeigt Richard Heubergers "Opernball" - und lässt dabei eine seltsame Nähe zu gewissen Gürtel-Etablissements erkennen.

Im Sündenpfuhl: Schreibmayer als Theophil.

Im Sündenpfuhl: Schreibmayer als Theophil.© Volksoper/Pálffy Im Sündenpfuhl: Schreibmayer als Theophil.© Volksoper/Pálffy

An allem lässt sich etwas Gutes finden. Auch an diesem Abend. Man muss nur über den österreichischen Tellerrand blicken: Während Hollywood im Banne der MeToo-Bewegung drauf und dran ist, die Erotik hinter Schloss und Riegel zu verbannen, wirft sich die Volksoper als ihre Verteidigerin in die Brust. Amerika, duck’ di! Als hätte es Direktor Robert Meyer darauf angelegt, ein "Rated R"-Siegel (Jugendverbot) aus der Ferne zu ergattern, gebärdet sich sein Haus neuerdings mit rotlastigem Dekor als veritabler Sündenpfuhl.

Mit der erotischen Brechstange
Das Problem ist nur: Dieses Gepränge soll wohl keine Kritik an einem neuen Puritanismus sein; es ist schlicht als Viagra für die Besucherzahlen gedacht. Seit Samstag zeigt die Volksoper Richard Heubergers Verwechslungskomödie "Der Opernball": Eine Handvoll Biedermänner sehnt sich darin nach dem erotischen Glücksversprechen der Großstadt. Also auf zum Maskenball der Pariser Oper, wo im Chambre séparée der Vollzug winkt. Dort reüssiert dann aber nur der jüngste der Möchtegern-Orgiasten, der Rest fügt sich wieder in sein - halbtrübes - Eheglück.


Die Volksoper versetzt diese Operette aus dem Jahr 1898, eine Art Mischung aus der "Fledermaus" und "Così fan tutte", ins Österreich der Gegenwart. Eine hübsche Spießersatire hätte sie damit auftischen können. Man setzt hier aber lieber auf zwei alte Hausmittel, die da lauten: Schenkelklopfer und Damenbeine. Ausgefolgt werden sie im Rahmen eines dubiosen Konzepts: Die Staatsoper, so hört man anfangs in einem Radiobeitrag, ist ihrer Balltradition überdrüssig geworden und überlässt sie der Volksoper. Die High Society marschiert im zweiten Akt auch prompt an: Ein Lugner-Lookalike, auch eine Wurst-Wiedergängerin stelzen über den roten Teppich. Nur: Führt der wirklich in die Volksoper? Die Transparenthemden der Herren am Eingang legen eine andere Vermutung nahe, nämlich: Dass das Haus am Währinger Gürtel den Ball an ein nahes Etablissement ausgelagert hat. Dieser Verdacht verdichtet sich in der Folge. Eine Speisekarte, die auch die "Kronjuwelen des Zeus" bietet, ein instruktives Wandbild (im Zentrum: ein Frauenunterleib in Sexarbeiterkleidung), eine rote Domina neben den rosa Dominos und eine Schaumparty im "Erlebniskeller" (!) legen Zeugnis davon ab, dass dieser "Wiener Opernball" mit der erotischen Brechstange veranstaltet wird. Ein Königreich für einen Pariser.

Vokal glanzlos
Jetzt muss man glücklicherweise sagen, dass es noch zwei weitere Akte gibt. Sie finden nicht etwa in einem Fetischkeller statt, sondern einem modernen Loft. Immerhin: Mit seinen vielen Ausgängen erlaubt dieser Raum (Timo Dentler, Okarina Peter) reichlich Tür-auf-Tür-zu-Heiterkeit; überhaupt hält der deutsche Regisseur Axel Köhler seine Schauspieler auf Trab und erweist sich insofern als fähiger Handwerker. Zu den Aktiva des Abends zählen des Weiteren: Helga Papouschek als herrlich hantige Altwienerin und Kurt Schreibmayer als wunderlich alter Gemahl. Erfreulich auch, wie geschmeidig Alfred Eschwé das Volksopernorchester durch diese Partitur navigiert.

Doch so charmant Heubergers Melodien das Ohr kitzeln - sie verhaken sich darin meist nicht, und die Sänger sind ihnen kaum eine Hilfe: Mit Ausnahme von Sieglinde Feldhofer (Haushaltshilfe Helene) und Amira Elmadfa (Neffe Henri) herrscht weitgehend vokale Glanzlosigkeit. Auf das Premierenpublikum ist trotzdem Verlass: Pauschaler Beifall mit zwei, drei Buh-Rufen in Richtung Regie.

Operette

Der Opernball

Volksoper (01/5131513)

Wh.: 23., 25., 28. Februar, 4. März




Schlagwörter

Operettenkritik, Volksoper

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-19 12:35:28
Letzte Änderung am 2018-02-19 12:53:26


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