Der Regen trommelt auf das Dachschrägenfenster und Laura fummelt mit ihrem Akkuschrauber behutsam an ihrem fragilen Mobile aus Glasfiguren herum. So einfach und berührend kann man die Einsamkeit einer Figur gleich in den ersten Minuten eines Bühnenstücks illustrieren. David Bösch und seiner Inszenierung von Tennessee Williams’ "Die Glasmenagerie" im Wiener Akademietheater gelingt das.

Sarah Viktoria Frick spielt diese Laura, die zusammen mit ihrem Bruder Tom und ihrer Mutter Amanda in der ärmlichen Dachboden-Wohnung (Bühne Patrick Bannwart) lebt. Tom (Merlin Sandmeyer) erzählt die Geschichte dieses Häufchens Verlassener - der Vater hat sich schon lang abgesetzt, hat sich als Telefonist bei "Ferngesprächen in die Ferne verliebt". Auch Tom spürt den Drang, diesem beengten Familiengefängnis und der mütterlichen Tyrannei zu entkommen. Aber ein "Hurensohn von einem Hurensohn" will er dann doch nicht sein.

Ein Deal soll ihm den Absprung ermöglichen: Wenn er einen Verehrer für seine Schwester, die wegen einer Behinderung (und ihrer Zurückgezogenheit) nicht der größte Publikumsliebling der Junggesellen ist, auftreibt, kann er zur Marine. Daher bedeutet der Besuch seines Arbeitskollegen Jim O‘Connor (ein Yuppie-Tolpatsch: Martin Vischer) nicht nur für ihn einen Hoffnungsschimmer im Trostlos-Nebel. Am meisten für Mutter Amanda (mitunter am Rande der Verzweiflungs-Karikatur: Regina Fritsch), die damit hadert, dass ihre eigene Strahlkraft ("17 Verehrer auf einmal!") sich so gar nicht auf ihre Tochter vererbt hat. Am wenigsten für Laura selbst, für die der Besuch des jungen Mannes, der sich noch dazu als ihr einstiger High-School-Schwarm entpuppt, nur magenverstimmender Stress ist.

Schiefer Salut

Dass dieses Dinner nicht gut ausgeht, ist keine Überraschung. Überraschend ist dafür, mit welchem unaufgeregten Einfühlungsvermögen und mit welchem Humor Regisseur Bösch und sein Ensemble - unter wirkmächtiger Mithilfe von Bernhard Moshammers Musik - diese Fabel der geplatzten Träume erzählen. Ist man sich erst nicht sicher, wie angebracht Torkel-Slapstick à la Frosch in der "Fledermaus" in diesem Stück ist, überzeugt einen die Innigkeit der beiden Geschwister, wie sie - so schief stehend, wie das Bild des abhandengekommenen Vaters nach Trunkenheits-Zusammenstoß hängt - dem abtrünnigen Erzeuger zuprosten. Bei Regina Fritschs Darstellung der verbitterten Ex-Südstaatenschönheit in ihrer Ha-Ha-Hysterie bleibt einem nicht selten das Lachen im Hals stecken. Fricks mädchenhafte Unsicherheit mitsamt Röckchenkneten und panischem Zittern des (gesunden) Beines täuschen nicht lange darüber hinweg, dass dieses Mädchen am Ende hier paradoxerweise die Stärkste ist.

Merlin Sandmeyer gibt seinem Tom im Ringen mit dem eigenen Schicksal eine Modernität, die so nachvollziehbar wie unaufdringlich ist. Immer wieder auch bietet die Aufführung eindrückliche Bilder, etwa wenn Laura unter dem Dachfenster erst im Glitzerregen und am Ende nur mehr im Regen steht oder die Glasfiguren - hier eine Art Zoo der Swarovski-Zombies - poetisch über die Bühne projiziert werden. Da liegt viel Schönheit in der Zerbrechlichkeit.