Hallenhohe Vorhänge rauschen um das stehend wartende Publikum herum. Masken-Menschen mit erstarrtem Gemütlichkeits-Lächeln besetzen die Sitze auf der Odeon-Tribüne. Sie boxen in die Luft, ein Vorhang zieht vorbei und weg sind sie. Erwin Piplits und Gerwich Rozmyslowski, die beiden halb-grantigen, halb-unlustigen Conférenciers des Abends bitten Platz zu nehmen. Des Serapions-Ensembles neuester Bühnenzauber-Bilderstrudel nennt sich "Der Ruf". Es ist der letzte Teil der Trilogie "Fidèles d’amour" die mit "Das Rauschen der Flügel" im Februar 2017 angegangen wurde und im Mai 2017 zu "Rebellion" führte.

"Gib dich hin!" - Lautet der Ruf. Aber: Wohin? Warum? Und wer überhaupt? "Du sollst nicht so viele Fragen stellen", wird die nörgelnde Frau vom Amt als unzulänglich für den esoterischen Kunstgenuss erklärt. Die usurpierte, verklamaukte Kritik ändert nichts an der grundsätzlichen Richtung der Veranstaltung: Ab in die sentimentale Schockstarre! Zwei Pärchen können nicht voneinander lassen und müssen aber doch. Die Lovestory wird in Sachen Kitsch angereichert durch gefühlsschwangere Musical-Einlagen.

Es gibt Kalendersprüche ("Ich muss dich nicht kennen, um zu wissen, wer du bist") und Tüchertänze. Kaum haben die Liebenden voneinander gelassen, ist der Spuk nach 100 Minuten vorbei. Die Produktion des Serapions-Ensembles (unter der Leitung von Piplits, Mario Mattiazzo und Ivana Rauchmann) verkauft Banalität als Poesie und Gefühle als Gefühlsduselei.