"der tod ist eine mauer": Über allem schwebt Markus Hering als Jedermann, am Boden der Tatsachen stehen Sebastian Wendelin (l.) und Markus Meyer. - © Georg Soulek
"der tod ist eine mauer": Über allem schwebt Markus Hering als Jedermann, am Boden der Tatsachen stehen Sebastian Wendelin (l.) und Markus Meyer. - © Georg Soulek

"Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." Ein biblisches Gleichnis liefert gewissermaßen den Subtext zum "Jedermann"-Stoff: Bereits im Mittelalter wurde in Moralitätenspielen das szenische Potenzial der Bekehrung des reichen Mannes erprobt. Es blieb aber Hugo von Hofmannsthal vorbehalten, das erzkatholische Motiv - gleichsam die moralische Rechtfertigung unser aller Tun - in gültige Form zu gießen. Seit 1920 liefert Hofmannsthals "Jedermann" alljährlich das pompös-steife Spektakel am Salzburger Domplatz, das längst zur österreichischen Kulturfolklore zählt wie Sängerknaben und Mozartkugeln.

Finale Erschöpfung

Felix Mitterer bis Helmut Qualtinger lieferten zwar neue Versionen vom kläglichen Ende des wohlhabenden Lebemanns, die jedoch vom Hofmannsthal-Jedermann überstrahlt wurden. Jede Neudeutung des Salzburgers Renommierschinkens bleibt hierzulande ein gewagtes Unternehmen. Es kam demnach einem durchaus couragierten, in der langen Geschichte des Burgtheaters singulärem Vorhaben gleich, als Burg-Direktorin Karin Bergmann den steirischen Dramatiker Ferdinand Schmalz beauftragte, den "Jedermann" aufzupolieren. Das Unternehmen ist nur zum Teil geglückt.

Schmalz, 33 Jahre alt, einer der bemerkenswertesten Dramatiker seiner Generation, behält in "jedermann (stirbt)" weitgehend das von Hofmannsthal bekannte Handlungsgerüst bei, wie man sich bei der Uraufführung am Burgtheater in der Inszenierung von Stefan Bachmann nun überzeugen konnte. Allerdings geht es dem Sprachkünstler Schmalz mehr um die säkulare Untersuchung der Endlichkeit - das religiöse Personal wird auf ein Minimum reduziert: Glaube und Erzengel Michael sind gestrichen, allein Gott, Tod und Teufel sind geblieben. Gott tritt, ähnlich wie in Christian Stückls volksnaher Salzburg-Inszenierung vor ein paar Jahren, als "armer Nachbar" auf (stoisch dargestellt von Oliver Stokowski).

Der Tod erscheint bei Schmalz - ein gewiefter Coup - als Geliebte: Der Rolle der Buhlschaft werden so endlich neue Facetten abgewonnen. Bei Schmalz tritt diese in der (Doppel-)Rolle "buhlschaft/tod" auf. Regisseur Bachmann lässt die erweiterten Möglichkeiten im Verbund mit Buhlschaft-Darstellerin Barbara Petritsch jedoch weitgehend ungenutzt verstreichen. Verführung verflüchtigt sich hier in halbgaren Gesten.

Der Teufel, von Schmalz ebenfalls listig redimensioniert, tritt nicht mehr als einer der Protagonisten auf, sondern im Chor, als "teuflisch gute gesellschaft". Ein bestechender Ansatz. Bedauerlicherweise gelingt es der Inszenierung auch hier nicht, szenische Funken zu schlagen. Bachmann lässt die Gruppe die meiste Zeit einfach nur singen oder frontal ins Publikum rezitieren. Von den vielfältigen inszenatorischen Möglichkeiten eines Chores, am Gegenwartstheater spätestens seit Einar Schleef bekannt, ist in der Schmalz-Uraufführung kaum etwas zu bemerken. Allzu häufig steht das siebenköpfige Ensemble mit dem Rücken zur Wand, vollführt in Gemeinschaftsarbeit die immer gleiche teuflische Mimik: Zunge raus, mit Händen Teufelsohren andeuten, in die Knie gehen, mit dem Hinterteil wackeln. Viele Perchtenläufe sind da schon origineller. Die Musik von Sven Kaiser und das Bühnenbild von Olaf Altmann pendeln sich leider ebenfalls etwas unter Niveau ein.

Auf die Burgtheaterbühne wurde eine raumfüllende vergoldete Wand geklotzt, in deren Mitte sich eine kreisrunde Öffnung befindet, eine Art Höhle: Jedermanns bevorzugter Auftrittsort.

In einem kurzen szenischen Moment entfaltet die Installation symbolische Kraft: Markus Hering, der mit Grandezza den skrupellosen Investmentbanker verkörpert, der sich für die Rendite die Welt untertan macht, stellt, in diesem kreisrunden Aussichtspunkt, die Evolution der Menschheit nach - vom Vierbeiner über den Homo sapiens bis zum Homo digitalis. Hier ist der geplagte Zeitgenosse wie in ein Hamsterrad verbannt, er rennt und rennt, bis zur finalen Erschöpfung. Ein starker Theatermoment.

Wir leben nicht

Für weiterführende Interaktionen zwischen den Spielern eröffnet das starre Bühnenbild jedoch wenig Spielraum, auf der Bühne passiert daher erstaunlich wenig. Die ergiebigsten Auftritte feiern noch die beiden Vettern (Markus Meyer und Sebastian Wendelin); für Lacher sorgt Mavie Hörbiger als Charity-Lady aka gute Werke; Jedermanns Frau (Katharina Lorenz) und seine Mutter (Elisabeth Augustin) treten in Nebenrollen in Erscheinung.

Immerhin zieht das Stück selbst, ein wie gewohnt sprachspielerisch überzeugender Schmalz-Text, gegen Ende eine Spur in Richtung Unendlichkeit, öffnet Möglichkeitsräume: "von wegen, der tod macht alle gleich. der tod ist eine mauer. jedermann ist niemand, niemand anderer als wir, wenn er auch stirbt, verschwindet er doch nicht. wir sterben ewig, leben nicht."