Beste Feindinnen: Martina Ebm und Sandra Cervik (r.). - © Sepp Gallauer
Beste Feindinnen: Martina Ebm und Sandra Cervik (r.). - © Sepp Gallauer

"Die Karriere einer Frau ist schon komisch. All die Dinge, die man auf dem Weg der Karriereleiter runterfallen lässt, damit man schneller weiterkommt - man kommt irgendwann drauf, dass man sie noch gebraucht hätte" - das sagt die Schauspielerin Margo Channing, gespielt von Bette Davis, im Film "All about Eve" aus dem Jahr 1950. Eine Bühnenversion dieses Klassikers feierte nun in den Wiener Kammerspielen Uraufführung. Wohl nicht ganz zufällig kurz vor der Oscar-Verleihung (am Sonntag): Joseph L. Mankiewiczs Film steht mit
14 Nominierungen auch nach fast 70 Jahren (neben "Titanic" und "La La Land") an der Spitze der Streifen mit den meisten Nominierungen.

Christopher Hampton, mit seinem Drehbuch für "Gefährliche Liebschaften" 1989 selbst oscarprämiert, hat die Dramatisierung für die Kammerspiele geliefert. Er und sein Übersetzer Daniel Kehlmann haben dabei vor allem eines richtig gemacht: Den federleichten Sarkasmus der Dialoge haben sie mühelos auf die Bühne übersetzt, das Ensemble dankt es mit eleganter Spielfreude.

Maske der Ehrerbietung

Sandra Cervik spielt Margo Channing, den Theaterstar, der eines Tages einen demütigen Fan mit beigem Mantel und kackbrauner Pullmann-Kappe in seiner Garderobe vorfindet. Eve Harrington (Martina Ebm) erzählt ihre elende Lebensgeschichte, in der Margo die Rolle der hoffnungsstiftenden Lichtgestalt spielt. Kein Wunder, dass man sich da geschmeichelt fühlt. Margos Assistentin Birdie (trocken wie ein Martini: Susa Meyer) ist die junge Dame im Ehrerbietungskostüm von Anfang an suspekt. Margo selbst beginnt erst langsam zu dämmern, was geschieht - zum ersten Mal, als sich herausstellt, dass Eve mit Margos Gefährten, dem Regisseur Bill, in regem Kontakt ist, während dieser in Hollywood ist. Alles nur, um Margo zu helfen, versteht sich. Trotzdem wird es Margo unheimlich, was sich in der zynischen Antwort auf Bills Frage: "Liebst du mich?" äußert: "Da muss ich erst Eve fragen."

Schnell hat Eve ihre beige Montur abgelegt und die engen Kleider darunter freigelegt. Für Margo, die sich beklagt, dass man ihr die Mieder neuerdings in einer kleineren Größe gekauft hat, kein erbaulicher Anblick. Nach einem "improvisierten" Vorsprechen mit Eve sind Margos Freunde überzeugt, einen schauspielerischen Offenbarungsmoment erlebt zu haben. Margo ist abgesägt, Eve der neue Star und am Ende steht die finale Demütigung: die Übergabe eines Preises an die bitchy Nachfolgerin. Schade nur, dass Margo nicht mehr sieht, wie sich der Kreislauf bei Eve in Kürze herzlich ähnlich wiederholen wird. Beiger-Mantel-Alarm.

Selbstironie und Selbstmitleid

Das klingt hier entmutigender, als es ist. Denn gepflegte Bösartigkeit und eine wohltuend altmodische Selbstverständlichkeit von Kitsch sowie lässige Jazzmusik lassen diese Geschichte schillern wie die Roben, die Birgit Hutter den Schauspielerinnen angezogen hat. Sandra Cervik nimmt man die zwischen Selbstmitleid und Selbstironie schwankende alternde Diva amüsiert ab, Martina Ebm den intriganten Wechselbalg ebenso. Unter der diskreten Regie von Herbert Föttinger unterstützen die Männer rund um und zwischen den beiden - Raphael von Bargen als Bill, Alexander Pschill als Dramatiker Lloyd Davis und Fritz Egger als Produzent Max Fabian - die zwei Kampfkolleginnen mit ihren eigenen berufsbedingten Neurosen. Martina Stilp, die Margos Freundin Karen spielt, besticht mit prägnantem Entsetzen über die Zerstörungskraft von Eve - die sie selbst Margo vorgestellt hatte. Joseph Lorenz verbindet die Akte als Theaterkritiker/Erzähler Addison DeWitt so frotzelnd wie hinterhältig. Er sorgt auch für einen Art MeToo-Moment, der in diese Fabel ein wenig Machtverhältnis-Realität einbringt. Eine Szene, die es übrigens auch schon im fast 70 Jahre alten Film gab. Nicht zuletzt macht dieser Theaterabend Lust darauf, diesen Klassiker wieder einmal anzuschauen - Unterhaltung, für die sich niemand genieren muss.