• vom 24.09.2007, 16:52 Uhr

Bühne


Uraufführung in der Franziskanerkirche Graz: Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter als Bühnenfigur

Dissonanzen um ein Regime-Opfer




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Von Ernst Scherzer

  • Wenn diese Opern-Schöpfung dazu angetan ist, nachzudenken über den "Fall Jägerstätter" - die Geschichte eines oberösterreichischen Bauern, der den Dienst mit der Waffe aus Gewissensgründen trotz der ihm drohenden und schließlich auch vollzogenen Todesstrafe abgelehnt hatte - dann hat sich der Einsatz der Autoren Viktor Fortin (Musik) und Gerd Linke (Text) und aller am Zustandekommen der Uraufführung Beteiligten gelohnt.

Abweichler in grausamen Zeiten: Thomas Gazheli als NS-Opfer Franz Jägerstätter, daneben Wolfgang Müller-Lorenz als grimmiger Bischof. Foto: Crystal OBrien-Kupfner

Abweichler in grausamen Zeiten: Thomas Gazheli als NS-Opfer Franz Jägerstätter, daneben Wolfgang Müller-Lorenz als grimmiger Bischof. Foto: Crystal OBrien-Kupfner Abweichler in grausamen Zeiten: Thomas Gazheli als NS-Opfer Franz Jägerstätter, daneben Wolfgang Müller-Lorenz als grimmiger Bischof. Foto: Crystal OBrien-Kupfner

Auf die Tatsache, dass das über Franz Jägerstätter 1943 verhängte Todesurteil erst 1997 aufgehoben wurde und anlässlich seines 100. Geburtstages dessen Seligsprechung am 26. Oktober erfolgen wird, mag sich jeder Staatsbürger seinen Reim machen. Die Widerstände gegenüber dem Stück des 71-jährigen steirischen Komponisten hinsichtlich der Aufführung im Kirchenraum verwundern da schon nicht mehr.


Um es gleich vorwegzunehmen: Die in Schwierigkeiten aller Art erfahrenen Theatermacher Manfred Mayrhofer (Dirigent) und Paul Flieder (Regie) haben in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit, unterstützt von ehrenamtlichen Mitgliedern des eigens ins Leben gerufenen Vereins zur Förderung zeitgenössischer Musik, so hervorragend gearbeitet, dass die Mühen der Vorbereitung dem Premierenabend in der Grazer Franziskanerkirche kaum anzumerken waren.



Romantisch bis ruppig
Thomas Gazheli war ein Jägerstätter optisch ähnelnder Protagonist, ebenso glaubwürdig gestaltete Ingrid Habermann seine Frau Franziska. Das Paar als Opernhelden zu verklären wurde glücklicherweise nicht versucht. Zwei einfache Menschen im Glauben an die Gerechtigkeit, ganz im Gegensatz zu ihren zwielichtigen und regimetreuen Mitbürgern.

Durch die haarscharfe Nachzeichnung unsympathischer Rollen-"Vorbilder" sind Wolfgang Müller-Lorenz (Bischof und Richter), Rudolf Brunnhuber (Gemeindesekretär und Ankläger) und Sieglinde Feldhofer (Briefträgerin) hervorzuheben. Der von Zuzana Ronck einstudierte Kinderchor sorgte für die tröstenden Abschnitte innerhalb dieser zehn Stationen auf dem Weg zum Schafott.

Fortin hat sie musikalisch mit zunächst fast spätromantisch anmutenden, später, und damit dem dramatischen Verlauf folgend, nicht mehr ganz reibungsfreien Klängen eindrucksvoll begleitet. Mit etwa achtzig Minuten Dauer auch noch CD-gerecht, würde man die Interpretation des Savaria Symphonie Orchesters unter der Leitung des ehemaligen Linzer Opernchefs gerne akustisch nochmals nachvollziehen.

Franz Jägerstätter

Von Viktor Fortin

Manfred Mayrhofer (Dirig.)

Paul Flieder (Regie)

Mit Thomas Gazheli, Ingrid Habermann und anderen

Franziskanerkirche Graz

Wh.: 25. und 26. September

www.musicaforte.at

0316/830255

Beherzt.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-09-24 16:52:18
Letzte Änderung am 2007-09-24 16:52:00

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