Stehend: Claudius von Stolzmann als Goebbels, mit Bart: Florian Teichtmeister. - © Moritz Schell
Stehend: Claudius von Stolzmann als Goebbels, mit Bart: Florian Teichtmeister. - © Moritz Schell

Wien, 1936. Ein Tiroler Bergbauer stellt sich im Theater in der Josefstadt vor. Er nennt sich Kaspar Brandhofer und möchte Schauspieler werden. "Des is eine Vorsehung. Des liegt ma im Bluat. I muaß a Theaterspieler wern", heißt es an dieser Stelle im Bühnenstück "In der Löwengrube". Der Naturbursch wird engagiert, entpuppt sich als Naturtalent und führt auf gewitzte Weise das NS-Regime hinters Licht. Felix Mitterers Historiendrama feiert am Donnerstag (15. März) im Theater in der Josefstadt Premiere. Die Aufführung, mit Florian Teichtmeister in der Hauptrolle, beruht auf wahren Tatsachen.

Jener Kaspar Brandhofer (bei Mitterer heißt er Benedikt Höllrigl), erhielt damals dank eines Empfehlungsschreibens von Max Reinhardt tatsächlich das Engagement. Der Älpler mit dem blonden Vollbart trat in Schnitzlers Novelle "Fräulein Else" auf und wurde als "Jahrhundertentdeckung" gefeiert. In der rechten "Reichspost" hieß es: "Endlich einmal wehte von der Bühne reine Tiroler Bergluft."

Maskerade


Nach der Premiere kam es zum Eklat. Brandhofer gab sich als jüdischer Schauspieler Leo Reuss zu erkennen. Der namhafte Akteur spielte mit seiner Lebensgefährtin Agnes Straub an großen Berliner Bühnen wie dem Theater am Schiffbauerdamm, erhielt aber von den Nationalsozialisten Arbeitsverbot und emigrierte 1934 nach Wien, wo er erneut kein Engagement finden konnte. Aus schierer Not verfiel er schließlich auf die Maskerade. Sein Coup war ein komödiantisches Lehrstück, das die NS-Rassentheorie aufs Herrlichste entlarvte und mit Chuzpe ein Regime anprangerte, das auf menschenverachtende Weise Existenzen vernichtete.

Die Causa Brandhofer schlug Wellen: Die Josefstadt setzte das Stück sofort ab, hingegen griff die Wiener Kabarettszene das Sujet dankbar auf, während Reuss wiederum ohne Arbeit dastand. In der deutschen Presse wurde er aufs Schärfste kritisiert, in Österreich wurde er vor Gericht gestellt und zu 100 Schilling Bußgeld verurteilt. In den USA sorgte das Schelmenstück freilich für Jubel. Studio-Boss Louis B. Mayer bot dem "actor who hoaxed the Nazis" für dessen mutige Tat einen Vertrag an. Zwar wurde Leo Reuss kein Weltstar, aber die lebensrettende Flucht nach Hollywood gelang. Als Lyonel Royce musste er fortan - Ironie des Schicksals - vor allem Nazi-Schergen spielen. 1946 starb er unerwartet an einem Herzinfarkt.

In Schauspielerkreisen lebte die Brandhofer-Episode als Anekdote weiter. Der Mime, der mit den Mitteln des Theaters die Mechanismen des NS-Regimes einen Moment lang außer Kraft zu setzen vermochte, eignet sich hervorragend zur Legendenbildung.

Überlebenstheater


Eine Verfilmung, angeblich hatte Oskar Werner bereits ein Drehbuch verfasst, scheiterte. Dafür wurden einige Biografien verfasst, herausragend ist vor allem die akribisch recherchierte und fundierte Aufarbeitung der Theaterwissenschafterin und ehemaligen "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Hilde Haider-Pregler mit dem Titel "Überlebenstheater. Der Schauspieler Reuss", erschienen 1998.

In den 1990er Jahren, Otto Schenk war damals Intendant der Josefstadt, erhielt Felix Mitterer, erprobt in der Dramatisierung historischer Begebenheiten, den Auftrag, ein Stück über Leo Reuss zu verfassen. Die Bühnenfassung konzentriert sich auf die Brandhofer-Episode, spitzt diese allerdings ziemlich zu. Schenk lehnte die Uraufführung ab. Emmy Werner, damals Intendantin am Volkstheater, griff indes zu. "In der Löwengrube" wurde mit Erwin Steinhauer in der Doppelrolle ein sensationeller Erfolg, die Aufführung kam bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut an.

Die späte Heimkehr des Stücks an die Josefstadt sei nun, so Intendant Herbert Föttinger, "ein Geburtstagsgeschenk" für Felix Mitterer. Der Tiroler Dramatiker wurde am 6. Februar 70 Jahre alt.