Valentina Nafornita gestaltete facettenreich die Musetta.
Valentina Nafornita gestaltete facettenreich die Musetta.

Das alte Verismo-Problem: Entweder verliert man sich im Bestreben, alle Details einer Partitur hörbar zu machen, oder man gibt sich großzügig dem schwelgerischen Klang-Pathos hin. Da kann man schon fast von einem Glücksfall sprechen, dass bei Puccinis "La Bohème" an der Wiener Staatsoper gewissermaßen beides gelang. Ein weiterer Glücksfall, oder hier besser gesagt ein "Glückskontinuum" ist die mittlerweile in 428 Aufführungen erprobte, gleichsam opulente wie detailreiche Inszenierung Franco Zeffirellis.

Im durchweg starken Ensemble glänzte allen voran Alessio Arduini als voluminöser und spielfreudiger Marcello, dem mit Igor Onishchenko (Schaunard) und Jongmin Park (Colline) zwei überzeugende "Bohemiens" zur Seite standen. Ein gleichsam kokette wie von lyrischen Zwischentönen belebte Musetta gab Valentina Nafornita, die aus der Rolle mehr als nur die oft bemühte Klischee-Diva herausholen konnte. Jean-François Borras’ Rodolfo fehlte es an den nötigen Stellen zwar etwas an Durchschlagkraft im mittleren Register, seine klare und schnörkellose Darstellung verband sich allerdings ideal mit Anita Hartigs vielschichtiger und stimmlich bewundernswert farbenreicher Mimì.

Dirigentin Speranza Scappucci gelang über weite Strecken eine makellose und äußerst präzise Interpretation, mit der sie das gut aufgelegte, teilweise etwas zu voluminöse Staatsopernorchester und den bis auf wenige - mitunter dem grenzwertig forschen Tempo geschuldeten - Unsauberkeiten formidablen Staatsopernchor durch den Abend führte. Die unmittelbare Eindringlichkeit, mit der Bühne und Orchester, Inszenierung und musikalische Idee vor allem im letzten Akt nach allen Regeln der Kunst zu faszinierendem Musiktheater verschmolzen, war weder konstruiert, noch pathetisch, kurz: ein Glücksfall.