Wien. Eine gefühlte Viertelstunde lang, bis alle Gäste sitzen, ein stummes Kabinettstück zum Niederknien schön. Fünf wackelig sich bewegende Alterchen in altrosa bis lindgrünen Hoodies. Ihre Bocciakugeln schlagen auf dem Gitterrost des Bühnenbodens auf. Zum Bücken schon zu steift, holt eine der Senilomasken mit einem Magneten an der Leine die Kugel zur Hand. Die Zeit steht schon still. Beginnen sie zu schwatzen, preisen sie ihre Stadt als "best place to live in Florida"

Enis Maci, 25, Absolventin der dramatischen Brutanstalt Deutsches Literaturinstitut Leipzig, will in ihrem Debütstück "Mitwisser" sagen, zeigen: Alles hängt global vernetzt zusammen – Tun, Mitwissen und Mittun, Schuld und Mitschuld. "Das ist ein Versuch über die Kartografie der Mitwisserschaft" erklärt sie selbst. Die GPS-Koordinaten dreier Orte von Verbrechen sind zum Mitschreiben an die Bühnenwand projiziert: Pt. San Lucie, Koruyaka, Dinslaken. Google Earth sei Dank! In Florida zerhackte ein Klemmi Vater und Mutter und lud danach 100 Gäste zur Party. Im anatolischen Dorf köpfte eine Frau und Mutter den Vergewaltiger aus der eigenen Sippe zur Rettung ihrer Ehre. In Nordrhein-Westfalen radikalisierte sich ein Junkie zum Salafisten und badete in Syrien in Massakerblut.

Drei Tragödien also, bequem den Medienberichten nachzuerzählen. Träte nicht der Kunstanspruch so eitel wie tückisch dazwischen. Enis Macis Kunsthändchen stemmen Reporterprosa hoch zu Wechselreden und Chören in altgriechischer Manier. Hat Klytämnestra, fragt sie, Agamemnon eher als Frau denn als durch den Tod ihrer Tochter verletzte Mutter getötet? Ihre Ästhetisierungen des heutigen banalen Bösen konstruieren eine Moderne, in der noch immer antike Schicksalsallmacht regiert und wo, wie jeder Paranoiker weiß, alles mit allem zusammenhängt – im elektronischen Netz wie in den Vermessungscodes der Kartographie.

Eine Sprechfigur im Fünferensemble, die alles weiß und dirigiert, heißt "Ökosystem". Politsoziologischer Erklärungswahn in Person. Übel der Zeit und Geschichte werden aufgerufen: Buchenwald, die Not der Deutschen mit den Ausländern, der Armeniergenozid, Kinderarbeit, Drogen, Neonazis. Derart prätentiös-akademisches Welttheater kommt ohne die Weltsprache nicht aus. Etwa ein Drittel von Macis Text ist Englisch. Dieses wird deutlicher gesprochen als die deutsche lyrische Klage eines in der Runde herumgereichten Ichs. Oft verpufft sie akustisch verzerrt oder chorisch geschrien. Kostprobe in Gscheiterldeutsch: "Die Ereignisse der Menschheitsgeschichte / die Sagen und die Vorfälle / sie offenbaren sich bei genauerer Betrachtung / als ebenso ungenau wie kreisförmig."

Gegen Ende hin bricht Regisseur Pedro Martins Beja aus dem Korsett des kopflastigen, nur im Lesen erfassbaren, weil zu ort- und figurenreichen Netzwerkdramas aus. Eine sommerliche Ideallandschaft mit tiefem Horizont auf einem Schleiervorhang vor der Silhouette einer Tänzerin, dazu betörender Schöngesang. Ekstatische Höhen wie in der hellenischen Vasenmalerei erreicht eine Ensembletanzszene. Regisseur Martins Beja, die im Farbenspiel so inspirierte Ausstatterin Elisabeth Weiß und fünf Akteure (Simon Bauer, Lili Epply, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger) holen aus dem Buch Ansehnliches heraus. Der Rest bleibt den Seminaren.