Ein Hieb zu wenig für den Bühnenmord: Tosca (Harteros) metzelt Scarpia (Tézier) nieder. - © apa/Gindl
Ein Hieb zu wenig für den Bühnenmord: Tosca (Harteros) metzelt Scarpia (Tézier) nieder. - © apa/Gindl

Am Ende stimmt sie, die Opferzahl. Der Erzverbrecher Scarpia, der gefolterte Maler Cavaradossi, seine Geliebte, die Operndiva Floria Tosca: Alle liegen sie in ihrem Blut. Der Weg zum Herzstillstand verläuft diesmal aber anders, als ihn Giacomo Puccini und sein Librettist Luigi Illica vorgezeichnet haben. Michael Sturminger hat die "Tosca" für die Salzburger Osterfestspiele inszeniert, und er lässt die Diva im entscheidenden Moment nicht mit der nötigen Konsequenz auf ihren Peiniger einstechen. Die Folge: Scarpia kann sich noch einmal vom Boden aufrappeln. Sein Nachleben gestaltet sich aber denkbar kurz: Wenig später schon knallen Tosca und Scarpia einander - peng, peng! - auf einem Gebäudedach ab. Und Cavaradossi? Wird hier zwar werktreu exekutiert. Verrichtet wird das aber von einer Gruppe Buben, die einen Befehl der Mafia ausführt.

Warum ist das so? Sturminger will die "Tosca" in ein heutiges Italien versetzen. Dieses Trachten vermittelt sich aber nur am Anfang und Schluss so deutlich. Über weite Strecken hüllt sich die Bühne des Großen Festspielhauses in historische Eleganz (Ausstattung: Renate Martin, Andreas Donhauser); den Libretto-Anweisungen wird Folge geleistet, Gegenwartsnähe blitzt nur selten auf (etwa in Form von Sonnenbrillen für "die Bösen"). Das Finale drängt dann umso ruckartiger ins Heute - und gerät so zu einer Hauruck-Aktion. Statt der "Tosca" einen fragwürdigen Kreativnachweis aufzupfropfen, hätte Sturminger sie lieber konventionell fertigerzählt; das nötige Handwerk dafür (Personenführung!) beherrscht er.

Vibrierende Orchesterkraft


Auch Festspielleiter Christian Thielemann versucht sich an einem Nachweis, und dieser gelingt deutlich besser: Die Opernkompetenz des deutschen Pultstars endet nicht bei Wagner und Strauss. Während Thielemanns Verismo-Ausflug zu Ostern 2015 gemischte Ergebnisse zeitigte (mit "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci"), überzeugt seine Puccini-Lesart rundum. Zwar stimmt es: Der Mann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden lässt auch diesmal nie die Orchesterzügel locker und die Musik frei strömen. Thielemann punktet dafür mit Akkuratesse und Effektsinn: Er erweist sich als Klangregisseur, der jedes Teilstück zur Entfaltung zu bringen versucht und dafür Phrasierung und Tonfall delikat abstuft. Auch an der Tempo-Schraube dreht er gern - doch nicht so schroff, dass er damit die Musik zerklüften würde. In einem feinen Wechselspiel aus Kraftstauungen und Aufschwüngen führt Thielemann dem Abend eine wendige, vibrierende Intensität zu.

Ebenso souverän die Tosca: Mag Anja Harteros auch anfangs überraschend alltäglich gekleidet sein, zieht sie bald alle Register einer Götterstimme. Eindringlich und drängend, vermittelt ihr Sopran nicht nur den vollen Leidensdruck dieses Dramas, er bürgt zugleich in (fast) jedem Moment für Perfektion. Auch schauspielerisch eine Erscheinung, steigert Harteros ihren konturierten Klang schier bruchlos von leiser Nektarsüße zu schneidiger Brillanz; die "Vissi d’arte"-Arie formt sie zu einem Idyll, das die Handlung nicht aufhält, sondern für Momente völlig vergessen lässt. Ein Festspiel, auch für verwöhnte Salzburg-Ohren.

Das Umfeld singt solide bis gediegen. Ersteres gilt für Aleksandrs Antonenko (Cavaradossi): Seine belegte Stimme stößt des Öfteren an Belastungsgrenzen, überzeugt aber immerhin, wenn sie Bravourtöne abzufeuern hat. Ludovic Tézier gibt einen Scarpia, der zwar nur wenig Dämonie besitzt (was wohl auch an der seltsamen Frank-Drebin-Frisur liegt), aber doch genug Stimmfülle, um die Rolle profund zu gestalten. Andrea Mastroni (Cesare Angelotti) begeistert daneben als Klang gewordene Flamme, und auch sein Kollege Mikeldi Atxalandabaso leistet Prägnantes (als schmieriger Spoletta). Letztlich einige Buhrufe für die Regie und Jubelchöre für Christian Thielemann, der nächstes Jahr bei den Osterfestspielen mit Wagners "Meistersingern" auf vertrautes Terrain zurückkehren wird.

Oper

Tosca

Salzburger Osterfestspiele

Festival noch bis 2. April