Im OP der Blumenmädchen: Christopher Ventris. - © Staatsoper/Pöhn
Im OP der Blumenmädchen: Christopher Ventris. - © Staatsoper/Pöhn

Unter den Comic-Helden gibt es eine Figur namens "Roter Blitz": Der Mann mit den Wunderfüßen bewältigt eine Marathonstrecke, während ein Normalsterblicher gerade ein paar Meter schafft. Dank dieses Tempos ist der "Blitz" praktisch unsichtbar; er agiert quasi in seiner eigenen Zeit-Dimension.

In einer solchen Gegenwelt fühlte man sich auch am Donnerstag in der Staatsoper. Das lag aber nicht an Rasanz, sondern an ihrem Gegenteil. Semyon Bychkov dirigierte den "Parsifal", und er tat es mit solcher Behäbigkeit, dass man meinte, sein Zeitlupen-Zugriff würde den ganzen Saal in Beschlag nehmen und das mentale Tempo seiner Insassen verlangsamen. Schlimmes war zu befürchten. Würde es nach Ende dieses Abends noch Donnerstag sein? Überhaupt noch 2018?

Bychkov hat hier schon im Vorjahr den "Parsifal" dirigiert, nämlich die Premiere der aktuellen Produktion; er kassierte dafür einige Buh-Rufe. Es setzte aber auch vereinzelt Lob: Bychkovs Langsamkeit begünstige den ätherischen Fluss von Wagners "Bühnenweihfestspiel", ja, sie befreie die Musik aus ihrem Taktgehäuse - als würde hier ein tönender Gral enthüllt.

Die Wiederaufnahme vom Donnerstag bestätigt diese Behauptung nicht. Bychkov bringt die metrische Anlage der Musik mitnichten zum Verschwinden; ihr Puls wird bloß um ein Vielfaches träger. Zwar stimmt es: Der Russe erhöht im zweiten Akt die Schlagzahl, will den seidigen Schönklang des Staatsopernorchesters offenbar aufpeitschen. Dieser zerflockt aber nur belanglos.

Ein paar Einzelleistungen


Alvis Hermanis hat an der Regiekanzel sein Schlimmstes getan. Er präsentiert ein Wien um 1900 mit den damaligen Geistesgrößen - Menschen, die sich auf der Bühne dann sichtlich nur für das Geistige interessieren. Hermanis findet diese Haltung nicht unproblematisch. Das sei ihm unbenommen. Sein jugendstilbuntes Wien verbindet sich aber nicht sinnreich mit Wagners Mythos. Oper und Bühnengeschehen (im Otto-Wagner-Spital) spießen sich an allen Ecken. Laben sich Wagners Ritter nicht an etwas völlig Irrationalem, nämlich an einem göttlichen Wunder? Warum also hier an einem Hirn? Wieso ordiniert Gurnemanz als Arzt, wenn dann doch der Patient Amfortas den Gral enthüllt? Spätestens im dritten Akt - Gustav Klimt trifft im Flügelhelm auf Parsifal, hier eine Art Ritter von der Riesenstricknadel - feiert Hermanis’ Kritik an der Hirnlastigkeit einen unfreiwilligen Erfolg: Der Zuseher streckt die geistigen Waffen.

Was bleibt? Kwangchul Youn, stattlich anzusehen, verleiht dem Gurnemanz emotionale Färbung; Jochen Schmeckenbecher legt den Gralskönig mit Leidensdruck an; Christopher Ventris entbietet als Erlöser gellende Parsifal-Bravour, Anja Kampe ist eine teils an Substanzgrenzen getriebene, doch wendig Kundry, Boaz Daniel vieles, nur leider kein idealer (Doktor) Klingsor. In Summe ein paar schöne Einzelleistungen an diesem Gründonnerstag; zu wenig freilich für einen Traditionstermin der Staatsoper, dem man in seiner aktuellen Darreichungsform nur eines wünschen kann: Erlösung.

Oper

Parsifal

Wh.: 1. und 5. April (01/5131513)