• vom 07.04.2018, 11:00 Uhr

Bühne


Satire

"Bei mir haaßt Franz"




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Von Mathias Ziegler

  • Kabarettist Georg Biron über Herwig Seeböcks berühmte "Häfenelegie" und warum Mundl Sackbauer heute nicht mehr produziert würde.

- © Nico Biron

© Nico Biron

Es war Mitte der 1960er Jahre, da ging ein 25-jähriger Kabarettist nach einem Heurigenbesuch in Wien-Grinzing noch mit einem Freund bei zwei Küchenmädchen eines Wirtshauses fensterln. Die Folgen wirken bis heute kulturell nach: Denn der Kabarettist war Herwig Seeböck (1939-2011), den Nachbarn für einen Einbrecher hielten und den die herbeigerufene Polizei verhaftete. Die Beamten fühlten sich von ihm bedroht, es kam zur Verurteilung zu viereinhalb Monaten Gefängnis.

Seine Hafterfahrungen verarbeitete Seeböck im Kultstück "Die große Häfenelegie", das er 1965 in der Regie von Kurt Sobotka im Neuen Theater am Kärntnertor auf die Bühne brachte und danach mehr als 3000 Mal aufführte sowie auf Schallplatte aufnahm. Sie zählt neben dem "Herrn Karl" von Helmut Qualtinger und Carl Merz zu den großen Klassikern des österreichischen Kabaretts.


53 Jahre später spielt nun der Schriftsteller und Kabarettist Georg Biron (Bild) die "Häfenelegie" in der Wiener Komödie am Kai. Damit erfüllt er sich einen großen Wunsch, dessen Wurzel in seiner Kindheit liegt. "Mich hat diese große Spiellust von Herwig Seeböck schon als Teenager fasziniert", erzählt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Das Stück hörte Biron zum ersten Mal auf Schallplatte bei seinen Eltern und war davon gefesselt. Einzelne Phrasen wurden dann in der Folge zu Running Gags in seiner Jugendclique: "‚Bei mir haaßt Franz‘ oder ‚Hau di in’ Rettich, du Weh!‘ - das haben wir für uns übernommen."

Akt des Widerstands gegen sprachliche Vereinheitlichung
Was ihn an Seeböcks Kultstück fasziniert, ist die Sprache. Über seine Adaption, für die er den Text nur geringfügig verändert hat, sagt Biron: "Es ist auch ein Akt des Widerstands gegen diese Vereinheitlichung, der wir durch die Koproduktionen im Fernsehen ausgeliefert sind. Da muss ja ein sprachlicher Einheitsbrei serviert werden, damit es der Zuseher in Flensburg auch noch versteht. Ich bemühe mich jedenfalls immer, das Wienerische auf die Bühne zu bringen."

TV-Produktionen wie "Kottan ermittelt" oder "Ein echter Wiener geht nicht unter" wären heute wohl kaum noch möglich, glaubt Biron. Auch wenn Mundl Sackbauer & Co. als Wiederholungen Kultstatus genießen: "Viele Leute identifizieren sich über die Sprache. Deshalb haben ja auch diese ATV-Gemeindebau-Soaps eine Fangemeinde. Da kommen Wiener vor, und die reden halt so, wie sie reden. Das hat schon seinen Reiz." Genauso wie in seiner Jugend die verschiedenen Figuren, die Seeböck in der "Häfenelegie" auf die Bühne zerrte: "Die sind sehr in der Kultur und in der Sprache verankert. Das hat auch heute noch seine Gültigkeit und seinen Witz - und seine betörende Wirkung." Seeböcks Satire funktioniere jedenfalls heute auch noch, meint Biron, der den Text kaum adaptiert hat: "Ich habe nur ein paar Dinge, die etwas angestaubt daherkommen, weggelassen." Facebook, Smartphones, Crystal Meth oder Ausländer kommen jedenfalls nicht vor.

Die "Häfenelegie" dauert nur 45 Minuten, und so füllt Biron die erste Hälfte des Abends bis zur Pause mit Auszügen aus seinen eigenen wienerischen Solokabarettprogrammen. In diesem Sinne ist es sozusagen "Georg Biron featuring Herwig Seeböck", um es neudeutsch auszudrücken.

Georg Biron präsentiert: Die große Häfenelegie von Herwig Seeböck

8., 9., 15. und 16. April

Komödie am Kai




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Dokument erstellt am 2018-04-06 16:18:04


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