• vom 12.04.2018, 07:00 Uhr

Bühne

Update: 12.04.2018, 07:48 Uhr

Interview

"Niemand reißt dumme Witze"




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Von Petra Paterno

  • Regisseurin Anna Bergmann über "Madame Bovary" und wie sich das Theater verändern sollte.

5-Mal Emma Bovary: (v.l.) Ulli Fessel, Therese Lohner, Maria Köstlinger, Bea Brocks, Silvia Meisterle. Vorne: Christian Nickel.

5-Mal Emma Bovary: (v.l.) Ulli Fessel, Therese Lohner, Maria Köstlinger, Bea Brocks, Silvia Meisterle. Vorne: Christian Nickel.© Astrid Knie 5-Mal Emma Bovary: (v.l.) Ulli Fessel, Therese Lohner, Maria Köstlinger, Bea Brocks, Silvia Meisterle. Vorne: Christian Nickel.© Astrid Knie

"Wiener Zeitung":Gustave Flauberts "Madame Bovary" gehört zu den großen Werken der Weltliteratur. Sie inszenieren den Roman nun am Theater in der Josefstadt, Premiere ist am 12. April. Was interessiert Sie an dieser nicht mehr ganz zeitgemäßen Frauenfigur?

Anna Bergmann: Dass eine Frau alles dafür tut, um ihre Sehnsüchte und Träume zu verwirklichen, ist für mich nach wie vor revolutionär. Sie strebt nach Liebe und setzt dafür alles aufs Spiel, das hat nicht an Aktualität verloren. Sie ist aber auch anstrengend, relativ gemein zu Mann und Kind, man ist fasziniert von ihr, aber zugleich ein wenig abgestoßen, solche gebrochenen Frauenfiguren interessieren mich ungemein.

Information

Anna Bergmann, 1978 in der DDR geboren, ist Schauspieldirektorin in Karlsruhe. In der Josefstadt inszenierte sie zuletzt "Fräulein Julie."

Warum besetzen Sie Madame Bovary mit fünf Schauspielerinnen?

Weil Theater alles kann, und wir dadurch unterschiedliche Perspektiven und Realitäten einnehmen können. Ich wollte eine gewisse Alterslosigkeit auf die Bühne bringen. Eine Frau, die erotische Abenteuer erlebt, kann auch älter als 30 sein. Am Theater erlebt man doch oft, dass Frauen ab Mitte 40 keine guten Rollen mehr bekommen, im Film ist das noch eklatanter. Ich finde aber, dass das Leben einer Frau im mittleren Alter erst so richtig losgeht.

Was wollen Sie als Schauspieldirektorin in Karlsruhe verändern?

Unser Leitungsteam besteht aus drei Frauen, wir teilen uns die Aufgaben und arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Damit wollen wir zeigen, dass man ein Theater nicht nur von oben herab führen kann. Wir wollen Frauen explizit unterstützen und fördern.

Haben Sie gezögert?

Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, auch den Lehrgang Theater- und Musiktheatermanagement absolviert, wo man alles von der Pike auf lernt. Die meisten Bühnen werden von Männern geleitet, das heißt auch, dass sie die Entscheidungen treffen können, will man etwas verändern, ist es wichtig, selbst eine Führungsposition zu erlangen.

Wie hat sich der Arbeitsplatz Theater für Frauen verändert?

Am Anfang meiner Laufbahn haben mich viele für die Praktikantin gehalten. Ich habe mir die Sicherheit im Umgang mit älteren Kollegen erst erarbeiten müssen. Jetzt reißt niemand mehr dumme Witze. Aber ich weiß von vielen Kolleginnen, dass sie mit verbalen Übergriffen zu kämpfen haben. Auch Bühnenbildnerinnen werden oft nicht so ernst genommen wie ihre männlichen Kollegen. Es hat sich vieles verbessert, aber da ist noch viel Luft nach oben. Ich arbeite auch in Schweden, dort ist die Situation völlig anders.

Wie ist es in Schweden?

Gleichbehandlung ist extrem wichtig. Man unternimmt vieles, um Diskriminierung aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit zu unterbinden, so hat etwa die geschlechtsneutrale Anrede "hen", das weibliche "hon" und männliche "han" abgelöst, auch gibt es keine getrennten Toiletten mehr.

Warum hat Metoo das deutschsprachige Theater noch nicht erfasst?

Weil die Frauen Angst haben, ihren Job zu verlieren.

Und Sie?

Ich könnte schon Geschichten erzählen, aber nur ich alleine? Es fehlt an Solidarität. Vor kurzem haben sich 360 Theaterfrauen in Bonn getroffen, es wurde darüber diskutiert, wie man etwas in Gang bringen könnte.

Worum ging es konkret?

Ungleiche Bezahlung ist ein großes Thema, oder die Frage, wie Jobs vergeben werden. Machtstrukturen sollten überdacht werden und die Art, wie wir miteinander kommunizieren. Das heißt nicht, dass man demokratisch inszenieren muss, das geht wohl gar nicht, aber als Regisseur hat man keinen Freibrief, herumzubrüllen und Leute schlecht zu behandeln. Das ist nicht 2018, sondern tiefstes Mittelalter.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-11 16:24:15
Letzte Änderung am 2018-04-12 07:48:31


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